|
Des Teufels Steg: Seite 23
»Anna, nimm nun endlich deine Pommes!«, sagte Hildegard, um sich abzulenken, als der Mann an der Essensausgabe den Teller mit den appetitlich duftenden frittierten Kartoffelstreifen auf die Theke stellte, obwohl das Mädchen ihre Hände ohnehin schon danach ausgestreckt hatte. »Und da kommt auch schon mein Jägerschnitzel«, gab Wolfgang genüsslich von sich, nahm seinen Teller, stellte ihn aufs Tablett, wo schon der gemischte Salat und der große Becher Kaffee von Hildegard standen, und alle gingen zu einem freien Tisch am Fenster. Es wollte nicht aufhören zu regnen. Sie waren schon längst mit dem Essen fertig. Anna hatte bereits ihr heiß begehrtes Eis »verputzt« und spielte in der Kinderecke des Restaurants. Hildegard hatte sich als Nachschlag noch einen Becher Kaffee geholt und dazu ein Stück Kuchen bestellt, saß aber auch schon seit geraumer Zeit vor einem leeren Teller, auf dem noch ein paar Krümel vom Apfelstrudel lagen, und sah zum Fenster hinaus, und Wolfgang nahm den letzten Schluck Cola und stellte das leergetrunkene Glas mit einem lauten Geräusch auf dem Tisch ab in der Hoffnung, dass es von den Wettergöttern vielleicht als Signal interpretiert werden konnte, um endlich damit zu beginnen, die Regenquelle versiegen zu lassen. Aber hinter dem großen Fassadenfenster des Restaurants regnete es dessen ungeachtet ununterbrochen erbsengroße Tropfen, die gegen die Glasscheibe trommelten und zum Boden hinunterkullerten. Das Ehepaar schwieg, die beiden hatten irgendwie nichts einander zu sagen. Wolfgang war es nach einem Bier nach der deftigen Mahlzeit, aber er hatte noch eine sehr lange Strecke vor sich und bei Aquaplaning, das bei diesen Wassermassen auf der Straße durchaus zu erwarten gewesen wäre, war Alkohol nicht das beste Mittel, um sich voll aufs Fahren konzentrieren zu können, er verzichtete darauf. Er überlegte nach wie vor, wie er Hildegard die Verzögerung bei der Anreise, die sich wohl nicht vermeiden ließ, schonend beibringen konnte, und kam letztendlich auf die Idee, dass er den Regen möglicherweise zu seinem Verbündeten machen konnte. »Hör mal, Hilde«, brach Wolfgang schließlich das Schweigen, »wir werden wohl noch irgendwo übernachten müssen.« Sie sah ihn misstrauisch an, was denn für Einfälle ihr Mann jetzt schon wieder hatte und fragte: »Wieso das denn?« »Na ja«, antwortete der Vertreter, »du siehst doch, wie es gießt. Und es ist kein Ende in Sicht. Wir können nur langsam fahren und müssen wegen Anna jede Stunde anhalten, sie kann auch nicht die ganze Zeit schlafen. Bis zum Abend kommen wir wahrscheinlich nur bis zur österreichischen Grenze, schätze ich. Und dann? Über die Alpen bei Nacht fahren möchte ich irgendwie nicht besonders. Verstehst du?« »Übernachten?« Hildegard konnte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden. »Wo willst du denn um Gottes willen übernachten? Willst du etwa von der Autobahn abfahren und stundenlang irgendwo ein Hotel suchen? Und sag bloß nicht, dass wir nach deiner Meinung die ganze Nacht im Auto auf einem Rastplatz verbringen müssen!« »Es gibt ja auch Rastplätze mit einem Motel«, erwiderte Wolfgang. »Dort könnten wir absteigen.«
(?)
Offenbar war so eine Übernachtungsmöglichkeit für seine Frau annehmbar, denn sie protestierte nicht mehr, sondern überlegte sich etwas konzentriert. Und Wolfgang begriff, dass er wohl einen großen Fehler gemacht hatte, als er ein Motel an der Autobahn ins Spiel gebracht hatte. Denn kostenlos waren die Unterkünfte nicht und das Geld für die Übernachtung hätte er auch für die Autobahngebühren ausgeben können, das wäre sogar um einiges günstiger gewesen. Er konnte aber nicht mehr zurückrudern, gesagt war gesagt. Er hatte alles noch schlimmer gemacht, als es bislang gewesen war. Hildegard wäre jetzt wütend geworden, wenn sie erfuhr, dass der Rastplatz, auf dem sie zum Nächtigen anhalten würden, gar kein Motel besaß. Denn Wolfgang hatte genau das vor, was seine Frau vorhin erwähnt hatte: Die Nacht bis zum Morgengrauen im Auto verbringen! »Okay«, sagte Hildegard entschlossen, »dann lass uns weiterfahren. Dadurch, dass wir hier rumsitzen, kommen wir dem Motel keinen Meter näher!« Sie holte Anna, die sich nur widerwillig von ihrem Spiel trennen ließ, aus der Kinderecke und alle liefen schnell, um nicht nass zu werden, zu ihrem Wagen vor dem Restaurant. Wolfgang ließ den Motor an und fuhr los in den Regen hinein, ohne zu wissen, was ihn heute noch alles erwartete. Unterdessen näherte sich der Handelsreisende mit seinem Fiesta der Kreuzung, wo er ins Gebirge abbiegen musste. Schon ein paarmal hatte er ein Schild mit der Entfernungsangabe bis Seesen gesehen, es waren nur noch wenige Kilometer. In das Städtchen selbst musste er ja nicht, er musste im Ort nur aufpassen, dass er den Abzweig nicht übersah, der ihn noch ein Stückchen entlang des Harzrandes nach Süden führen würde. Dann musste er aber richtig gut auf die Schilder achtgeben, um die Kreuzung, an der die Bundesstraße zweihundertzweiundvierzig nach links abging und in die Berge führte, nicht zu verpassen. Es war laut Straßenatlas ohnehin schon ein sehr ausgeklügeltes Geflecht aus Bundestraßen und Autobahnen rund um Seesen und der Zustand seines Wagens trug nicht gerade dazu bei, problemlos auf eine andere Spur zu wechseln, ohne Kopf und Kragen zu riskieren, wenn man sich in den Verkehr einfädelte. Der Kleine war einfach zu langsam. Es würde schon alles gutgehen, versuchte Wolfgang, sich selbst zu beruhigen, und es gelang ihm sogar gewissermaßen. Er wunderte sich allerdings immer noch darüber, wie ausführlich er sich an die völlig belanglose Szene auf dem Rastplatz von vor zehn Jahren erinnern konnte, in allen Einzelheiten, sogar den Geschmack der Jägersoße, mit der sein Schnitzel garniert gewesen war, konnte er mit aller Deutlichkeit auf seiner Zunge spüren. Die Frage ließ ihm keine Ruhe. Es war erstaunlich. Gut möglich, versuchte Wolfgang sich selbst den Umstand zu erklären, dass die Episode im Restaurant in seiner Erinnerung die Zeit deswegen überdauert hatte, weil sie in seinem Leben eine Reihe von schmerzhaften Erlebnissen eingeleitet hatte und ihm Erfahrungen hatte zuteilwerden lassen, die er lieber nie gemacht hätte, eine verhängnisvolle Ereigniskette, bei der jedes weitere Glied unweigerlich das nächste nach sich zog – bis zum heutigen Tag.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



