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Des Teufels Steg: Seite 227

Noch zum letzten Mal, solange die Leute an ihm vorbei auf die Brücke gingen, drehte er sich um – es war dieselbe Stelle vor dem Teufelssteg, wo er schon mal gestanden und Knöpfle mit den Zimmermanns am anderen Ufer betrachtet hatte – und warf einen abschließenden Blick auf seine Welt. Gab es dort noch etwas, fragte sich der gebeutelte Zeitreisende, was ihn von diesem Schritt abhalten konnte? Eher nicht, überlegte er. Er war obdach- und mittellos, die ein paar tausend, die er für die OP zusammengespart hatte, waren wohl eher ein schwacher Trost, sie wären nach nicht allzu langer Zeit aufgebraucht gewesen, vielleicht schon nach einigen Wochen, und überdies schuldete er den Vorschuss. Seine Frauen hatten ihn verstoßen, jetzt wahrscheinlich schon für den Rest seines Leben. Der Gedanke an Stachowski, Giovanni und den Rest von dem Laden widerte ihn an. Es war wohl tatsächlich an der Zeit, ein neues Leben zu beginnen, denn es gab augenscheinlich nichts, was … Ach ja, fiel es ihm plötzlich wieder ein! Anna! Seine Tochter wollte er auf keinen Fall für immer verlieren. Nein, zu ihr wollte er noch einmal zurückkehren. Aber so wie es aussah, hatte er jetzt noch eine Tochter in einer anderen Welt. Wie ließen sich die zwei Tatsachen miteinander vereinen? Ganz einfach, kam er auf einmal auf die Lösung des Problems, nämlich indem er Cecilia nach Hannover mitnahm und Anna vorstellte.

»Es ist ja alles erst einmal nur bis zum nächsten Vollmond und dann sehe ich weiter«, beruhigte Wolfgang noch schnell sein Gewissen, denn er spürte, dass der Vordermann schon an seiner Hand zog, – er musste sich jetzt entscheiden.

Breitscheid setzte seinen Fuß auf die gespenstisch vernebelte Brücke.

 

Richard Knöpfle saß traurig auf einem kalten, mit Morgentau bedeckten Stein am Bodekessel, an der Stelle, wo er schon mal den reißenden Strom über die Teufelsbrücke überquert hatte. Aber der Überweg fehlte. Es graute bereits, doch der volle Mond, wie er nicht voller sein konnte, hing noch über dem Berg und berührte mit seinem unteren Rand gerade erst die höchsten Tannenwipfeln.

»Breitscheid!«, rief er verzweifelt schon zum hundertsten Mal und schaute mit leiser Hoffnung zum anderen Ufer, aber es antwortete ihm keiner, nur das Zischen und Gluckern der aufgeschäumten Bode erfüllte die Schlucht.

Erst in den frühen Morgenstunden hatte Knöpfle diese Stelle, die ihm Wolfgang beschrieben hatte, endlich gefunden und so war es nicht allzu verwunderlich, dass die anderen bereits längst weg waren. Auf seiner Verfolgungsjagd hatte sich der Schriftsteller hoffnungslos verlaufen. Anfangs hörte er noch ganz deutlich Geräusche aus dem Wald, als hätte sich jemand in der Dunkelheit durch das Unterholz geschlagen, und folgte dem Trio, aber nach einer Viertelstunde verstummten sie und die Nationalpatrioten lösten sich einfach wie in Luft auf. Entweder waren sie auf einen Pfad gestoßen, auf dem sie sich bewegen konnten, ohne Lärm zu verursachen, oder sie versteckten sich und warteten ab, bis Knöpfle weg war. Jedenfalls stand der Märchenautor von einer Minute auf die andere allein mitten im finsteren Walddickicht und wusste nicht, wo er sich befand und wohin er gehen musste. Stundenlang irrte der verlorene Legendensammler durch die Gegend, bis er irgendwann abschüssiges Gelände unter seinen Füßen spürte und dem Gefälle folgend kurz darauf das Plätschern des Wassers hörte. Über Stock und Stein wanderte Richard einfach flussaufwärts, wo er die gesuchte Stelle vermutete, und kam schließlich auf den kleinen Platz hinaus, den er schon kannte. Aber von der Brücke fehlte jede Spur.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Eigentlich wusste Knöpfle selbst gar nicht so genau, warum er auf die andere Seite wollte. Wahrscheinlich, mutmaßte er, weil es der ursprüngliche Plan gewesen war, auf die Roßtrappe in die Siedlung der Wilden mit den befreiten Frauen zu flüchten, um die möglichen Verfolger endgültig abzuschütteln. Aber aktuell drohte ihm keine Gefahr – das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war, dass alle feindlichen Kräfte beim Anblick des Polizeihubschraubers das Schlachtfeld fluchtartig geräumt hatten, – und er hätte mit gleichem Erfolg auch nach Treseburg wandern können, der Weg war ihm bekannt. Doch dann fiel ihm ein, er konnte sich gar nicht sicher sein, dass Treseburg überhaupt existierte. Ja, ließ er den Gedanken zu, vielleicht, aber nur vielleicht, stand dort das eine oder andere Häuschen. Davon aber, dass er das Hotel »Zum blauen Karpfen« an der gewohnten Stelle vorfand, war er nicht mehr überzeugt. Denn: Die Teufelsbrücke war nicht da! Es war ein deutlicher Hinweis darauf, dass mit dem Zeitgefüge immer noch etwas nicht stimmte, und in welcher Epoche er aktuell weilte, stand nicht einmal in den Sternen. Jegliches Zeitgefühl war Richard momentan fremd.

Plötzlich vernahm er ein verdächtiges Geräusch. Von hinten näherte sich jemand und generierte bei jedem Schritt metallisch klingende, klirrende Laute. Jäh sprang der Schriftsteller auf, blickte besorgt auf den Hang und entdeckte eine Figur im Halbharnisch und mit einem Speer in der Hand. Das Gesicht des Kriegers war dick angeschwollen und trug Spuren von Blut.

»Du bist am Leben, Junge?«, fragte Knöpfle ungläubig und gleichzeitig mit einer freudigen Note in der Stimme, als er in dem Mann mit dem verunstalteten Gesicht Hannes erkannte.

»Ja«, sagte der Tischlergeselle kurz. Das Reden fiel ihm wegen der Verletzung sichtlich schwer.

»Ich möchte dir noch einmal in aller Form danken. Dass du mir auf der Lichtung zu Hilfe geeilt warst. Sie haben mich schon bald überwältigt gehabt.«

Hannes nickte zustimmend und setzte sich erschöpft auf den Stein, auf dem der Schriftsteller zuvor gesessen hatte. Knöpfle nahm neben ihm Platz.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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