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Des Teufels Steg: Seite 225

»Ähm«, unternahm Breitscheid einen neuen Versuch. »Deine Mutter … Sie hat die lange Wanderung hierher nicht überstanden. Sie ist eingeschlafen … und nicht mehr aufgewacht.«

Wolfgang konnte das Gesicht des Mädchens im spärlichen Licht des entfernten Feuers nicht deutlich erkennen, aber er war sich absolut sicher, dass ihre Augen ein Tränenschleier bedeckte. Das Mädchen schwieg.

»Wir sollten jetzt vielleicht gehen«, sagte der Handelsreisende unentschlossen. »Sie werden auf uns an der Brücke warten. Wie es aussieht, sind wir mit dir die Einzigen, die den Überweg zur Siedlung der Wilden finden können.«

»Und wo ist Großmutter?« Cecilias stimme zitterte.

»Das weiß ich nicht, Cecilia. Sie ist der alten Frau, mit der sie am Kreuz geschimpft hat, nachgelaufen. Ich habe sie nicht mehr gesehen.«

»Dann gehen wir«, stimmte Cecilia überraschend leicht zu.

Es war möglicherweise nicht so falsch, dass Wolfgang über das Schicksal von Gerlinde nicht informiert war. Kein Mensch auf dieser Welt hätte garantieren können, dass die junge Frau nicht selbst vor Leid und Kummer tot umgefallen wäre, wenn sie erfahren hätte, dass ihre Großmutter ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilte. Ihr lebloser Körper ruhte in diesen Minuten auf einem großen Stein unten in der Schlucht, fast so wie in der alten Sage von der Hexengroßmutter Watelinde, nur dass neben ihr auf demselben Stein auch ihr Opfer reglos dalag, »Jungfrau« Irmel. Die beiden Kontrahentinnen fanden im Bodetal ihre letzte Ruhestätte, nachdem sie unbedachterweise am Rande des Abgrunds ihren handgreiflichen Streit ausgetragen hatten und in der Hitze der Auseinandersetzung unbeabsichtigt in die Schlucht gestürzt waren.

In den letzten Tagen hatte Wolfgang Breitscheid viel nachgedacht. Über sich und über das Mädchen, das er durch seltsame Fügungen des Schicksals kennengelernt hatte. Zuweilen kam es ihm vor, dass es eine Art Vorsehung war, die ihn in diese Gegend geführt hatte, doch schon im nächsten Augenblick änderte er seine Meinung, weil sie ihm ziemlich töricht erschien. Es war doch reiner Zufall, überlegte der Weinvertreter, dass er in diese Stadt abkommandiert worden war, von der er noch nie etwas in seinem Leben gehört hatte. Dennoch, irgendwas war an dieser Cecilia, das ihn magisch anzog. Und dieses Etwas war weniger sexueller Natur, wie Wolfgang zuerst angenommen hatte, sondern eher … Der Weinhändler fand dafür kein passendes Wort. Jedenfalls machte er sich ununterbrochen Gedanken darüber, wie es denn praktisch aussehen konnte, wenn er sich auf den Vorschlag von Cecilia einließ, für sie ein Vater zu sein.

»Ich habe nachgedacht«, sagte Breitscheid, als sie sich mit Cecilia durch den dunklen Wald kämpften, um nach unten zum Fluss zu kommen, und blieb stehen. »Weißt du, du hast ja mal gesagt, dass du so einen Mann wie ich gerne als Vater haben würdest?«

»Ja«, antwortete das Fräulein, aber ihre Stimme klang ziemlich gleichgültig, als hätte Wolfgang sie bei ihren eigenen Gedanken gestört, als wusste sie nicht, wonach er gefragt hatte.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Ich hab’s mir überlegt. Ich werde vorerst nicht zurückkehren. Ich meine, in meine Welt. Ich habe vor, bei dir zu bleiben.«

»Gut«, gab Cecilia von sich noch unbeteiligter als zuvor und blickte unvermittelt zum Himmel. »Was ist das?«

Wolfgang hörte es auch. Das Geräusch der rotierenden Schraube. Es kam von der Lichtung.

Plötzlich wurde es ganz hell und die das Trommelfell zum Platzen bringenden Laute, mit denen der Polizeihubschrauber über der Waldlichtung kreiste, weckte bei Knöpfle keinen größeren Wunsch, als sich die Ohren zuzuhalten. Der Lichtkegel des Scheinwerfers bewegte sich in einem wilden Tanz über das Schlachtfeld. Offenbar suchte das Spezialkommando, und Richard war überzeugt, dass diesmal auch tatsächlich seriöse Männer in voller Montur in der Maschine saßen, nach einem geeigneten Landeplatz, fand aber anscheinend keine Stelle, die für die Landung, auch hinsichtlich der möglichen Gegenwehr, sicher genug gewesen wäre. Denn der Pilot sah bestens, was unten vor sich ging.

Links versuchten noch die letzten Reste der Dörfler chaotisch auf den Pfad zu gelangen, der vom Berg hinunterführte, rechts flüchteten in panischer Angst zwei Personen mit geschürzten roten Soutanen begleitet von einem Mann offenbar niedrigeren Standes, der den Herrschaften zu Hilfe eilte, wenn die eine oder andere Unebenheit im Gelände überwunden werden musste, in der Mitte brannte ein Kreuz, in dessen Nähe sich eine Gruppe von bewaffneten Männern in Rüstungen aufhielt, die alle wie angewachsen mit gerundeten Augen die »göttliche Erscheinung« am Himmel miterlebten. Ein Zeltlager rückte ins Licht des Scheinwerfers. Einige Figuren mit unverkennbaren Merkmalen der rechten Szene schauten von dort verblüfft und ratlos nach oben und schienen völlig überrumpelt zu sein durch das unerwartete Auftauchen des Helikopters. Hier und da lagen leblose Körper auf dem Boden. Die Situation war prekär. So schätzte sie der Einsatzleiter der Sondereinheit ein.

»Bullen!« Diesmal war es der Sektionsschläger, der den warnenden Schrei ausstieß, als der Hubschrauber endlich zum Landen ansetzte.

»Wir hauen ab!«, brüllte Johannes, der den Ernst der Lage ebenfalls erkannt hatte. »Lauft! Wir treffen uns zu Hause!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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