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Des Teufels Steg: Seite 221
Die Gesandten Seiner Heiligkeit, die das Geschehen aus einiger Entfernung, in gehörigem Abstand zum gemeinen Volk in der abgestellten Sänfte sitzend verfolgten, gaben dem Inquisitor ein Zeichen, er möge doch den Ausbruch der Ketzerei auf der Stelle unterbinden. Kalt erwischt von der heftigen Gemütsbewegung der alten Schneiderin gab der Untersuchungsrichter Kuntz halblaut den Befehl, ihr den Mund mit einem Knebel zu stopfen. »Gott möge deiner Seele gnädig sein«, sagte Vater Nicklas und machte ein Kreuzzeichen in Irmels Richtung. Dann wandte er sich der Menge zu. Die ausgesprochenen Anschuldigungen mussten dringend entkräftet und die Gemeinde wieder auf den rechten Weg gelenkt werden, sonst drohte ein großes Ungemach, falls man die erhobenen Vorwürfe auf sich beruhen ließ. Vater Nicklas machte den Mund auf und wollte gerade seine Rede mit »Liebe Brüder und Schwestern« einleiten, als er auf einmal merkte, dass ein wild flackernder Schein eines großen Feuers die Gesichter der Zuschauer erhellte und dass sämtliche Augenpaare in der Menge Entsetzen ausstrahlten, während sie an ihm vorbei auf etwas hinter seinem Rücken gerichtet waren. Hinter ihm ragte die Figur des »Oberhexers« empor, dem der Mönch schon gestern an diesem Ort begegnet war. Und es war in der Tat, wie ungewöhnlich es auch aussehen mochte, der Anführer des »arischen Feuers« aus Jena, der in der Mitte vor Irmels Scheiterhaufen stand und, wegen dem großen Menschenauflauf leicht in Panik geraten, Cecilia mit dem linken Arm an den Schultern umschlang und ihren Körper wie einen Schutzschild benutzte, während seine rechte Hand am Hosenbund hektisch nach der Waffe suchte. Die Scheiterhaufen an den beiden äußeren Kreuzen brannten lichterloh, wenngleich die zum Tode durch das Feuer verurteilten »Hexen« unversehrt zu bleiben schienen, denn es brannten nur die Strohpuppen der Nationalpatrioten. Das verwirrte Publikum konnte es nicht ahnen, dass in diesem Augenblick beide Hexentanzplätze, die sonst in ihrer eigenen Zeit, in ihrer eigenen Welt unabhängig voneinander existierten, auf eine wundersame Weise zu einem Ort verschmolzen, jedoch nicht in vollem Umfang zeitlich miteinander vereint waren, sodass die »reinigenden Flammen« der Arier den Frauen an den Kreuzen vorerst nichts anhaben konnten. »Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er auch!«, rief der Inquisitor sichtlich erschrocken und tastete chaotisch nach dem Kruzifix, das er an einer Kette um seinen Hals trug. »Weiche, Satan! Weiche dem Kreuze!« Er hielt das Amulett zwischen den Fingern seiner ausgestreckten Hand und bedrängte damit Johannes, der einen kleinen Schritt nach dem anderen zum Scheiterhaufen zurückwich und unruhige Blicke auf die bewaffneten Schutzgardisten warf, während er das blonde Mädchen nach wie vor in seinem eisernen Griff festhielt. In seiner Rechten glänzte die schwarze Pistole, die auf den Mönch gerichtet war. »Das ist die wahre Hexe!«, schrie plötzlich Irmel dazwischen, als sie in der jungen Frau die Enkeltochter ihrer Widersacherin erkannt hatte.
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Die Zuschauer erstarrten in Staunen und verfolgten die Szene mit weit aufgerissenen Augen. Jeder kannte die blonde Cecilia aus dem Dorf, aber keiner von ihnen hatte je den Mann zu Gesicht bekommen, der sie in seiner Gewalt hatte. Der Richter nannte ihn den Teufel und in den Augen der meisten hätte es auch stimmen können, so ungewöhnlich und bösartig wie er aussah. Noch rührte sich keiner, aber die latente Angst saß jedem in den Knochen wie eine zusammengedrückte Feder, jeden Moment bereit, sprunghaft zu expandieren und die Menschen in einem wilden Durcheinander davonlaufen zu lassen. »Dieter!«, wurde nun Johannes laut. »Halte sie fest! Ich muss hier eine Sache regeln.« Während der Haudrauf zu ihm eilte und Vater Nicklas seinerseits Kuntz zum Angriff auffordernde Zeichen gab, strapazierte eine weitere unheimliche Erscheinung die ohnehin schon wie die Sehne eines Bogens gespannten Nerven der Menschenmenge. Hinter den Kreuzen im Scheine der hochschlagenden Flammen tauchten lautlos mehrere diffuse Schatten auf – Wilde Männer, die die allgemeine Verwirrung zu ihrem Vorteil nutzten, während die Aufmerksamkeit der Wachen von den Frauen auf den Scheiterhaufen abgelenkt war. »Breitscheid«, brüllte im selben Augenblick Richard Knöpfle, der zusammen mit anderen Freiwilligen bislang still in einem Hinterhalt gesessen und die Entwicklungen auf der Waldlichtung beobachtet hatte, »sie greifen an! Es ist Zeit, unsere letzte, alles entscheidende Schlacht gegen das absolute Übel zu schlagen. Freunde! Lasst uns für die rechte Sache kämpfen!« Der »verrückte Schriftsteller« rannte wild einen Knüppel schwingend zur Mitte des Platzes los. Der Rest folgte ihm. Sogar die alte Gerlinde eilte hinkend hinterher inspiriert durch den feurigen Aufruf des rothaarigen Mannes und die Wirkung des Pilzzaubers, von dem jeder der selbsternannten Krieger für die rechte Sache schon seit den frühen Morgenstunden mehr als genug in seinen Adern hatte. Der Schuss hallte durch die Nacht wie der Donner eines nahen Blitzes. Überrascht fasste der Inquisitor an seine Brust und sah verständnislos auf das Blut auf seiner Handfläche. Alsdann blickte er zum Himmel. »Jesus kommt, um uns zu retten …«, sagte Vater Nicklas noch, ehe er zusammenbrach und zu Boden ging. Wenn jemand in diesem Moment seinem Blick gefolgt wäre, hätte derjenige vermutlich auch einen lichten Punkt am dunklen Himmel gesehen, der sich am Firmament zwischen den funkelnden Sternen bewegte, und ein entferntes Geräusch der rotierenden Schraube eines Helikopters gehört, das mit jeder Sekunde immer vernehmlicher klang. Aber die Worte des Richters sowie Richards kriegerische Kampfansage gingen einfach unter in dem Chaos, das in der Menge ausbrach, nachdem die Handwaffe abgefeuert worden war.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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