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Des Teufels Steg: Seite 220
Das Gerücht stimmte. Bereits in den frühen Morgenstunden hatte Vater Nicklas die Hexen aus dem Kellergewölbe holen und sie von einem Trupp Schutzgardisten heimlich zum Ort der Verbrennung bringen lassen. Es war ein Teil seines listigen Plans. Der Inquisitor vermutete nicht grundlos, dass die Rebellen zu einem Problem werden konnten. Auf diese Weise machte er die Bestrebungen der Verschwörer, das Geleit zu überfallen, zunichte, natürlich falls sie existierten. Kein Geleit – kein Überfall! Sicher war sicher. Zusätzlichen Ärger, noch über die unerklärlichen Dinge hinaus, die ohnehin schon auf dem verfluchten Teufelsberg im Gange waren, konnte er nicht gebrauchen. Dass die Gefangenen dabei den ganzen Nachmittag gefesselt an den Kreuzen der prallen Sonne ausgesetzt gewesen wären, interessierte den Franziskaner recht wenig. Die Hexenweiber waren eher dem Tode geweiht. Eine Qual mehr oder weniger machte letztendlich keinen Unterschied. Beim Frühstück stellte Vater Nicklas den Kardinälen Herman vor, der wie verlangt schon seit dem Sonnenaufgang auf die hohe Audienz vor der Tür des Klosters gewartet hatte. Der Familienvater glaubte inzwischen, dass er mit der Denunzierung einen großen Fehler gemacht hatte, doch er konnte nicht mehr zurück, seine Töchter waren in der Gewalt dieses Mannes der Kirche. Und davon versprach sich Herman nur Übles, nachdem er gesehen hatte, wie lüstern der Richter die Mädchen angeschaut hatte und ihnen mit scheinbarer Ahnungslosigkeit, als wäre ihm jede verabscheuungswürdige Intention fremd gewesen, mit seiner »väterlichen« Hand lobend über gewisse Körperstellen gefahren war, an denen er, Herman, seine Kinder nicht einmal versehentlich angefasst hätte. Der Untersuchungsrichter wusste es zwar nicht, aber seine Vorsichtsmaßnahme brachte ein großes Durcheinander in die Pläne der Widerständler, als die Späher von der Waldlichtung zurückkamen und über das Eintreffen der für die Einäscherung vorgesehenen Frauen berichteten. Der Überraschungsangriff auf dem Hexenstieg, der Grundstein, auf dem ihre gesamte Angriffsstrategie fußte, war plötzlich weg. Neue Pläne wurden geschmiedet und nach stundenlangen Diskussionen einigten sich die Verschwörer darauf, dass es am sinnvollsten gewesen wäre, die Dunkelheit abzuwarten, damit sich die wilde Sippe unbemerkt heranschleichen und die Opfer von ihren Fesseln befreien konnte, noch bevor die Scheiterhaufen in Flammen aufgingen. In diesem Augenblick, so der Plan, sollte der Rest aus allen Richtungen angreifen, um die Aufmerksamkeit der Schutzgarde auf sich zu lenken. Anschließend sollten sich alle nach Möglichkeit in einer geordneten Formation ins Tal zurückziehen und schließlich über die geheimnisvolle Brücke ihren Verfolgern entkommen. Am späten Nachmittag waren die Eminenzen endlich so weit, dass die Schutzgardisten die Sänfte anheben durften – diesmal waren sechs Träger erforderlich. Die Prozession setzte sich in Bewegung. Vater Nicklas, der den Zug anführte, stellte zu seiner Genugtuung fest, dass die Mehrheit der Dörfler seiner Anweisung gefolgt war, denn die Siedlung war menschenleer, als sie durch das Dorf zum Tale schritten. Nur auf dem Dorfplatz wartete noch eine kleine Gruppe auf ein sicheres Geleit und schloss sich der Kolonne an.
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Es fing schon an zu dämmern, als die Sänfte am Zielort endgültig auf den Boden abgestellt wurde. Der Richter war außer Atem nach dem steilen Aufstieg und brauchte noch eine Weile, um zu sich zu kommen. Währenddessen machte sich Marten mit seinen Schreibutensilien etwas abseits breit und die Gerichtsdiener stellten sich an den Scheiterhaufen auf, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, falls etwas aus dem Ruder lief. In der Menge, die wie eine graue Mauer im Halbkreis um die Kreuze stand, gingen Laternen an, die die Dörfler für den Rückweg mitgebracht hatten, und die Schutzgardisten zündeten ihre Fackeln, denn es dunkelte zusehends. Alles war bereit, um mit der Vollstreckung des Urteils zu beginnen. Der volle, rötlich leuchtende Mond stand am Himmel über dem Wald. »Gretlin aus dem Dorf zum Tale«, sprach Vater Nicklas zu Ruprechts Frau, »schwörst du dem Teufel ab und nimmst im Angesicht des Todes Jesus Christus als den einzig wahren Gott an?« Die Frau am Pranger schwieg. Ihr Kopf hing willenlos auf ihre Brust hinunter und sie schien nicht bei Bewusstsein zu weilen. Der Inquisitor machte mit unzufriedener Miene ein Kreuzzeichen über die Verurteilte. »Es möge der Wille Gottes geschehen.« Die Wachmänner begannen damit, über die Scheite eine Art Brandbeschleuniger aus Teer, Pech und Schweineschmalz zu verteilen, der eigens dafür angerührt worden war, um das Holz schneller zu entflammen, während der Franziskaner sich zum mittleren Kreuz begab, an dem Irmel festgebunden war. »Irmel aus dem Dorf zum Tale, schwörst du dem Teufel ab und nimmst im Angesicht des Todes Jesus Christus als den einzig wahren Gott an?«, fragte der Richter, als er vor ihrem Scheiterhaufen stehen blieb und etwas schräg zu ihr nach oben schaute. Im Unterschied zu Gretlin war die alte Frau hellwach und bei vollem Bewusstsein – mehr noch, ihre Augen glänzten streitsüchtig, während sich in ihnen die Lichter der Laternen aus der Menge und die Flammen der Fackeln der Wachmänner spiegelten. Wie von Sinnen schrie die Schneiderin den Richter an: »Der Teufel seid Ihr! Und Euch schwöre ich ab! Doch Jesus bleibt in meinem Herzen und ich werde bald vor sein Antlitz treten und selig sein. Und es wird nicht derselbe Jesus sein, den Ihr predigt! Euer Jesus ist der falsche Messias! Euer Jesus ist der Antichrist, der falsche Lehren verbreitet. Und Ihr seid sein gehorsamer Diener!«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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