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Des Teufels Steg: Seite 216

Das Rätsel löste sich in Kürze von selbst: Als sich der luftraubende Griff des Entführers lockerte und Richard nicht allzu feinfühlig einfach auf den Boden geworfen wurde, realisierte der Schriftsteller, dass endlich die »Kavallerie« eingetroffen war. Denn er erkannte im hellen Schein des Mondes das Gesicht von Wolfgang Breitscheid, der ihn von oben ansah.

»Breitscheid!«, rief der Märchenautor fröhlich. »Sie verdammter Halunke! Wo waren Sie so lange?«

Knöpfle sprang auf und umarmte stürmisch den Handelsreisenden, sodass dieser sich schon beinahe gewaltsam aus der erdrückenden Umschlingung lösen musste und einen Schritt zurücktrat.

»Wir wurden aufgehalten«, teilte er traurig dem Schriftsteller mit. »Es ist jemand gestorben.«

Knöpfle blickte beunruhigt auf den Weinvertreter. Sein erster Gedanke galt Elke, er sah die Frau plötzlich leblos auf dem Boden liegen, aber im nächsten Augenblick begriff er die Absurdität seiner Vermutung. Sie war schließlich nicht mit Breitscheid zusammen unterwegs gewesen.

»Wer?«, fragte er.

»Ursel«, gab Wolfgang niedergeschlagen zur Antwort.

»Wer ist Ursel, Breitscheid?«

»Die Mutter von dem Mädchen. Von Cecilia. Ich bin mit den beiden aus dem Dorf geflohen, bevor ich zu den Wilden Männern gekommen bin. Sie war schon ziemlich krank und hat die Strapazen der Wanderung nicht überstanden. Sie schlief einfach in den Armen ihrer Mutter ein, der Frau dort, und ist nicht mehr aufgewacht.«

»Bedauere. Sie haben sie mal erwähnt, aber ich habe sie nicht gekannt, tut mir leid. Wieso schleppen Sie denn noch alte und kranke Frauen mit auf diesen Berg, gell? Verstehe ich nicht!«

»Erkläre ich Ihnen später! Wie geht es denn unserem Mädchen auf der Lichtung?«

»Ihr ist noch nichts Schlimmes passiert. Gestern waren sie alle viel zu müde und heute … Heute hatten sie wieder einen riesigen Krach untereinander, Breitscheid. Die Motorradbande ist weg. Sie sind alle abgereist. Und ich, mein Lieber, und das ist das Wichtigste, habe die zwei Geiseln befreien können! Was sagen Sie dazu?«

»Wie haben Sie es geschafft?«, wunderte sich Wolfgang.

»Einfallsreichtum, Breitscheid!«, lobte sich der Schriftsteller hochnäsig. »Einfallsreichtum! Aber wenn ich ehrlich bin … Ich hatte ein bisschen Hilfe bekommen. Ein Überläufer, sozusagen, aus den feindlichen Reihen!«

Wolfgang sah ihn misstrauisch an.

»Ja, ja!«, versicherte der Schriftsteller. »Aber es ist ein guter Junge. Er hat danach sogar die Polizei hierhergebracht, leider zur falschen Zeit, als die Nazis sich aufgelöst haben. Man wird noch verrückt, Breitscheid, wenn einem den ganzen Tag Gespenster erscheinen! Ich glaube Ihnen übrigens, Wolfgang. Alles, was Sie über Ihre Visionen erzählten, gell?«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Jetzt wissen Sie auch, wie es mir schon die ganze Zeit geht!«, erwiderte der Weinvertreter sichtlich zufrieden mit der plötzlichen Einsichtigkeit seines Gesprächspartners.

»Wollen Sie mich nicht mal Ihrer Gefolgschaft vorstellen?« Richard blickte in die Runde.

»Ja…«, sagte Wolfgang hastig und ein wenig verlegen, dass er es nicht schon früher gemacht hatte. »Natürlich. Das ist Richard Knöpfle, von dem ich erzählt habe, dass er hier auf uns wartet. Er ist Autor und ein guter Mensch.«

Die Runde wartete schweigsam auf nähere Erläuterungen zum Begriff »Autor«.

»Er schreibt Bücher«, fügte Breitscheid hinzu.

Hannes, der neuerdings den erbeuteten Halbharnisch trug und sehr kriegerisch wirkte, wurde hellhörig. Seine Augen strahlten große Neugier aus. Neben ihm stand Ruprecht mit dem Speer in der Hand und sah nicht weniger entschlossen und angriffslustig aus als sein Anführer. Jobst hatte den Helm aufgesetzt und erweckte eher den Eindruck eines unbeholfenen Mannes, der nicht recht im Bilde gewesen war, was er mit einem Nachttopf anstellen sollte, ehe er sich ihn über den Kopf stülpte und von Wichtigkeit erfüllt durch die Gegend stolzierte. Die drei Jugendfreunde hatten vier weitere Männer aus dem Dorf mitgebracht, die der Teilnahme an der Befreiungsaktion zugestimmt hatten und nun bewaffnet mit Mist- und Heugabeln mit von der Partie waren. Knöpfle drückte jedem respektvoll die Hand, nachdem der Handelsreisende ihn mit den Männern bekannt gemacht hatte.

»Mein Beileid, gnädige Frau«, äußerte Knöpfle seine Anteilnahme, als Wolfgang ihm Gerlinde vorstellte, die traurig auf dem Boden saß und auf den Märchenautor von unten blickte.

»Ihre Lebensader war schon lange durchtrennt«, erwiderte die betagte Frau. »Ich habe es schon vorausgesehen. Nun hat Ursel ihre Ruhe gefunden.«

»Und das, lieber Richard, sind die Wilden Männer, an die Sie nicht glauben wollten!«, meinte Breitscheid neckisch zum Legendensammler, als die wilde Sippe an der Reihe war.

»Vielen herzlichen Dank auch«, gab Knöpfle voller vernichtenden Sarkasmus zurück, »dass Sie mich darauf hinweisen! Aber ich hatte bereits das Vergnügen, gell? Und auch Ihnen …« Er sah den Anführer der Wilden an. »Vielen Dank, dass ich noch …«

»Er kann Sie nicht verstehen«, redete Wolfgang dazwischen. »Sie müssen es zuerst Gerlinde sagen. Nur sie kennt ihre Sprache. Deswegen sind die Frauen auch mitgekommen.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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