|
Des Teufels Steg: Seite 215
Und manchmal bedurfte es nicht einmal eines Hintergrundwechsels, um bekannte Personen in einer Umgebung, einer Welt zu erleben, in die sie gar nicht hineingehörten. Nachdem die Schutzgarde ihre Aufgabe erledigt hatte und die geharnischten Männer erneut im Wald verschwunden waren, traten für Knöpfle völlig unerwartet die Streifenpolizisten auf den Plan, mit denen er bereits im Hotel in Treseburg Bekanntschaft gemacht hatte. In Begleitung von Tobias! Dieser blickte sich ungläubig und ratlos um. Auf die Frage des Polizeihauptmeisters, wo denn nun genau die NS-Zusammenkunft mit strafbaren Absichten stattfinde, sah er verlegen auf die Kreuze. »Es war alles hier …«, sagte er unsicher. »Die Zelte, das Lagerfeuer … Sehen Sie? Die Kreuze für das Hexenfeuer stehen immer noch da.« »Ja, die Kreuze sehen wir«, bestätigte der rangniedrigere Kollege. »Aber sie haben doch angegeben, dass hier ein sozusagen nationalsozialistischer Untergrund so was wie einen Staatsstreich planen würde, und anfangen wollten die Leute mit der Verbrennung der Frauen, die Sie zu uns gebracht haben.« »Ich sage doch …« Tobias’ Stimme zitterte. »Hier war ein Zeltlager … und … Ich verstehe es auch nicht.« »Okay«, meinte der penible Beamte. »Und wer soll hier erschossen worden sein? Eine Leiche kann sich ja nicht in Luft auflösen.« »Steffan, lass gut sein«, mischte sich der ältere Polizist ein, nachdem er sich die Scheiterhaufen angeschaut hatte. »Gib bitte per Funk durch, dass wir die Lichtung hier unter Beobachtung nehmen – Stufe Gelb. Am Montag hat ja uns schon einer in Treseburg was von einer Naziversammlung auf dem Hexentanzplatz erzählt. Es könnte was Wahres dran sein, wenn ich mir das hier ansehe.« »Aber …«, versuchte der jüngere Beamte seine Einwände geltend zu machen. »Aber hier ist doch …« »Tu es einfach, Steffan«, unterbrach ihn sein Vorgesetzter. Sichtlich ungern griff der Polizist nach dem Funkgerät. »Zentrale, Zentrale, bitte kommen«, sagte er, nachdem ein paar krächzende Geräusche aus dem Lautsprecher ertönt waren. Richard Knöpfle war begeistert. Nicht davon, dass der Platz nach drei Tagen endlich mal unter Beobachtung gestellt werden sollte, sondern von Tobias. Der Junge hatte es wirklich ernst gemeint – das mit dem Bruch von seiner Vergangenheit, mit der Abkehr von dem Nazigesindel! Er hatte die Frauen tatsächlich der Polizei übergeben und die Polizisten hierhergeführt, was ihm, Richard Knöpfle, trotz seiner ganzen Lebenserfahrung nicht gelungen war. Neben der Freude über die positive Entwicklung machte sich allerdings auch eine gewisse Trauer in Richard breit, denn nun war endgültig klar, dass Elke, seiner neuen Liebe, etwas zugestoßen war, weswegen auch nicht sie, sondern Tobias die Polizei auf die Lichtung gebracht hatte.
(?)
Knöpfle stürmte voller Hoffnung aus seinem Versteck zu den Polizisten, die mit Tobias in der Mitte des Platzes standen, aber der Versuch der Kontaktaufnahme missglückte. Er sprang wie verrückt in die Höhe und schnitt vor den Beamten die scheußlichsten Grimassen, zu denen er imstande war, doch es konnte ihn keiner sehen, hören oder sonst auf irgendeine andere Art wahrnehmen. »Gut, dann fahren wir jetzt«, sagte der Polizeihauptmeister trocken, bevor alle gingen. »In zwei, drei Stunden sehen wir mal wieder nach, ob sich hier was tut.« »Verdammter Mist!«, brachte Knöpfle seine wahren Gefühle zum Ausdruck, ohne Euphemismen zu benutzen. Auf diese Weise verbrachte der »verrückte Schriftsteller« den ganzen Tag. Mal war er in einer Welt, mal in der anderen. Bald sah er, wie die Biker endgültig die Waldlichtung, ohne Abschied zu nehmen, verließen, und hörte wenig später das Knattern der wegfahrenden Motorräder, bald versuchte er abermals die Polizeistreife auf sich aufmerksam zu machen, die tatsächlich gegen Abend eintraf, um nach dem Rechten zu sehen, jedoch zum wiederholten Male unverrichteter Dinge mangels eines Tatbestandes gehen musste. Kurzum, als die Nacht hereinbrach und der Mond aufging, war der Legendensammler dermaßen mit seinen Nerven fertig, dass er heilfroh war, endlich nicht weit vom Lagerfeuer der übriggebliebenen Patrioten ein ruhiges Plätzchen gefunden zu haben, wo die Zeit stillzustehen schien. Zumindest machte sie, wenn auch nur vorübergehend, keine Sprünge durch die Epochen. Richard saß mit angezogenen Beinen, die Knie mit seinen Armen umschlungen, an einem Baum und genoss die plötzlich eingekehrte Ruhe. Er merkte nicht, wie sich ihm aus der Dunkelheit lautlos zwei Schatten näherten, und ehe der Märchenautor sichs versah, spürte er eine eiserne Umarmung auf seinen Rippen und eine raue Handfläche auf seinem Mund, sodass ihm mit einem Mal die Luft wegblieb und er keinen Ton von sich geben konnte. Zunächst nahm der entführte Legendensammler an, während er irgendwohin durch den Wald getragen wurde, die Motorradgang wäre zurückgekehrt und hätte ihn zufällig neben der Lichtung entdeckt, doch dann fiel Knöpfle auf, dass der kräftige Mann, der ihn spielerisch leicht unter seinem Arm hielt, urtümlich streng nach Schweiß roch. Die Biker konnten es also nicht sein, revidierte der Schriftsteller gedanklich seine ursprüngliche Annahme, so roch kein Mensch mehr in der modernen Welt. Derartige Düfte sonderte nicht einmal ein verdreckter Obdachloser am städtischen Hauptbahnhof ab, höchstens ein wildes Tier.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



