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Des Teufels Steg: Seite 214
Als der Märchenautor jäh aus seinem Schläfchen aufschreckte und wie von einer Tarantel gebissen im Fahrersitz auffuhr und verständnislos mit seinen verschlafenen Augen blinzelte, strahlte bereits die Sonne vom Himmel. Von dem kalten morgendlichen Nebel gab es keine Spur mehr, dennoch schien die Gegend unter einem durchsichtigen Schleier zu liegen und das Licht des Tagesgestirns war leicht getrübt, obwohl das Firmament, soweit man es unter den überhängenden Zweigen der Bäume beurteilen konnte, wolkenfrei war. Zunächst machte Richard die getönten Scheiben des Wagens für die Sinnestäuschung verantwortlich, aber es änderte sich nichts, als er die Fensterscheibe an der Fahrertür hinunterließ, um den stickigen Innenraum des Autos zu lüften, und nach draußen sah. Und ehrlich gesagt beschäftigte ihn dieses Problem nicht länger, denn Knöpfle sah auf einmal etwas, was ihm die letzten Reste der Schläfrigkeit nahm und mit keinen rationalen Gründen erklärt werden konnte. Es war sogar eher etwas, was er nicht sah – die Motorräder und Autos der »arischen Brüder«, die er in einiger Entfernung am Waldrand zu sehen erwartet hatte, waren wie vom Erdboden verschluckt. Knöpfle stieg leise und vorsichtig aus. Nein, überlegte er von Zweifeln geplagt, weggefahren sein konnten die Burschen nicht. Zum einen hätte er es auch im Schlaf mitbekommen und zum anderen hatten sie mit Tobias vorhin die Reifen zerstochen, sodass es kaum noch möglich gewesen wäre. Dennoch, Tatsache war: Richard konnte die Fahrzeuge nirgendwo entdecken. Darüber hinaus wies die Stelle, wo sie neulich geparkt gewesen waren, keine Spuren auf, die auf Benutzung in der Eigenschaft eines Parkplatzes schließen ließen. Die Wiese am Waldsaum wirkte jungfräulich unberührt. Und der Feldweg, den Tobias mit den Frauen erst vor einigen Stunden genommen hatte, existierte nicht – genauso wenig wie die Zufahrtsmöglichkeit zu der Stelle, wo aktuell Richards Wagen parkte. Erst recht bizarr wurde es, als der ohnehin schon »verrückte Schriftsteller« zur Waldlichtung zurückgekehrt war. Er fand dort kein Zeltlager der Nationalpatrioten vor. Stattdessen bot sich seinem Blick eine waldfreie, verwilderte Fläche mit hohem Gras, die absolut menschenleer war und in deren Mitte allerdings nach wie vor drei Kreuze aufragten – eins im Zentrum eines bereits aufgeschichteten Scheiterhaufens und zwei weitere noch nicht ganz fertiggestellt. Es waren aber nicht dieselben Kreuze, die die Kahlschädel aufgerichtet hatten, so viel stand für Richard fest. Sie sahen denen sehr ähnlich, die die schemenhaften Gestalten, die geharnischten und bewaffneten Soldaten, gebaut hatten, welche er und Breitscheid nach dem Pilzkonsum beobachtet hatten. Seine Vermutung bekräftigte auch schon bald ein Trupp von Männern in Rüstungen, der unverhofft aus dem Wald auf die Lichtung herauskam und sich an die Arbeit in der Nähe der zwei unvollendeten Kreuze machte. Aber diesmal waren die Männer nicht als verschwommene Figuren einer Vision zu sehen, sondern klar und deutlich zu beobachten in dem hellen Sonnenlicht, das inzwischen seine volle Kraft zurückerlangt hatte. Der leichte milchige Schleier, der die Farbenintensität abschwächte, hatte sich ebenfalls verflüchtigt.
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Doch hin und wieder geschah etwas Unerklärliches, was sich nur schwer in Worte fassen ließ, und die Umgebung veränderte sich schlagartig von einem Augenblick zum anderen. Die Sonne schwächelte wieder und die Farben verblassten. Obendrein wurde auch die Waldlichtung selbst deutlich größer als zuvor und weniger verwuchert, und nur die Kreuze blieben an derselben Stelle wie gerade eben, wenngleich sie auch anders ausschauten. Dafür konnte Knöpfle aber wieder das blonde Fräulein, Cecilia, festgebunden am Pranger sehen, während sich das Bild in seinen Augen langsam mit Farben sättigte, und die Naziclique, die aufgeregt über die Lichtung hin- und herlief, wobei sich manche »Kameraden« lautstark gegenseitig anpöbelten. »Ihr habt uns die Mädchen geklaut!«, schrien die einen die anderen an. »Wo sind sie! Wo habt ihr die versteckt?« »Woher soll ich denn wissen, wo eure Scheißtürkinnen sind!«, brüllte Johannes zurück, bei dem der Geduldsfaden mittlerweile ebenfalls tiefe Risse aufwies. »Es ist doch sehr merkwürdig, gib es zu«, meinte zu ihm Holger, der zwischenzeitlich wohl über den Berg war, denn er stand selbständig auf den Beinen. »Die Mädchen sind weg, die Reifen an den Maschinen sind platt! Wer soll denn das alles außer deinen Jungs gemacht haben?« »Haut jetzt bloß mit euren verfickten Maschinen ab!«, regte sich der Jenaer Hauptpatriot auf. »Und nehmt eure Schlampen gleich mit. Lasst bloß meine Jungs zufrieden!« »Ja, gleich nachdem wir die Reifen geflickt haben!«, erwiderte Holger, der ebenfalls innerlich vor Wut kochte. »Vergiss nicht, du schuldest mir zwei Tausender für den Aufwand!« Johannes reagierte voller giftigen Spotts: »Von wegen! Zwei tausend … Das kannst du dir hinten reinschieben!« »Sieh dich vor, Junge«, sagte Holger mit ruhiger, väterlich besorgter Stimme. »Es passieren allerhand unschöne Dinge auf dieser Welt. Verstehst du? Heute ist ein Mensch noch fröhlich und gesund und morgen sieht er sich schon die Regenwürmer von unten an.« »Und wennschon! Haut bloß ab. Wir kommen auch ohne euch ganz gut zurecht.« Dann wechselte das Bild ohne jeden ersichtlichen Grund zurück zu den Schutzgardisten, die ihre Scheiterhaufen aufschichteten, und die Umgebung brauchte erneut eine Weile, um sich dem Legendensammler in voller Farbenpracht präsentieren zu können. Aber das Merkwürdigste war: Keiner der Anwesenden auf der Lichtung, weder geharnischt noch hakenkreuzdekoriert, nahm von ihm auch nur die geringste Notiz, während der Märchenautor jeden hören und sehen konnte. Nur Cecilia, wie es Richard von Weitem vorkam, verfolgte ihn mit ihrem Blick und ein einziges Mal hatte der Schriftsteller den Eindruck gehabt, dass einer der Soldaten verdächtig lange in seine Richtung gesehen hatte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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