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Des Teufels Steg: Seite 213
Dieser widerliche Richter wusste offenbar alles, dachte Herman entsetzt. Es machte keinen Sinn, seine Kenntnis des Aufenthaltsortes der Mädchen abzustreiten. Ein Wort von dem Mann und die Garde hätte den Schuppen auf den Kopf gestellt! In dieser Hinsicht hatte Herman keine Zweifel. »Gut«, gab er widerwillig zur Antwort. »Es freut mich, mein Sohn, dass deine Kinder wohlauf sind. Ich möchte aufrichtig, dass ihnen auch in Zukunft nichts Unerwartetes zustößt. Wahrlich.« »Ich verspreche es, ich werde dafür sorgen«, beteuerte Herman. »Und sobald Metze wieder zu Hause …« »Nun, mein Sohn, du wirst doch verstehen, dass unser Vertrag nicht mehr gilt. Nicht wahr?« »Aber, Euer Ehren, Ihr habt doch gesagt, dass …« »Es ist richtig. Ich habe die Freilassung deiner Frau, der Ehegattin eines vorbildhaften Denunzianten, in Aussicht gestellt. Doch das war noch, bevor ich herausfand, dass du, mein Sohn, die Heilige Inquisition belogen hast.« »Verzeihet mir, Vater!« »Ja, das würde ich gerne! Aber die Vergebung musst du dir zuerst vor Gott verdienen.« »Was muss ich dafür tun, damit meine Frau zurück nach Hause kommt und meine Kinder unversehrt bleiben?« »Tu mir einen kleinen Gefallen«, ließ Vater Nicklas endlich die Katze aus dem Sack. »Ja, Vater«, willigte Herman unbedacht ein. »Wie du wahrscheinlich weißt, mein Sohn«, fing der Inquisitor von Weitem an, die Aufgabe zu erklären, »weilen im Kloster die Gesandten Seiner Heiligkeit, Ihre Eminenzen, Bruder Giulio und Bruder Ruggiero. Nun ist aber zu meinen Ohren gekommen, dass die Kardinäle sich peinlich berührt fühlen, wenn Ordensschwestern, also weibliche Wesen, morgens ihr Gemach aufräumen oder ihnen abends ins Bett helfen, und dabei vielleicht etwas zu viel davon sehen, was die Eminenzen an ihren Körpern lieber für sich behalten würden. Außerdem ist es ihnen äußerst unangenehm, wenn die Schwestern ihre Nachttöpfe leeren. Kurz, Bruder Giulio und Bruder Ruggiero würden es begrüßen, wenn sie eine männliche Bedienung hätten.« »Ihr meint, Euer Ehren, dass ich …?« »Ja, Herman aus dem Dorf zum Tale! Genau das meine ich. Du sollst für die Zeit ihres Aufenthaltes hier in Wendhusen in die Dienste der Eminenzen treten: Ihnen bei der morgendlichen Körperpflege zur Hand gehen, ihre nächtlichen Ausscheidungen diskret wegbringen, die Kerze bei abendlichem Gebete halten oder nachts für Ruhe und ihren erholsamen Schlaf sorgen – einfach für sie da sein, was immer sie sich wünschen! Von ihrer Meinung hängt für mich sehr viel ab und ich möchte, dass sie mir gutgesinnt bleiben.« »Vater, ich … ich weiß nicht recht …«, sagte Herman unschlüssig. »Hast du schon mal einen Kranken pflegen geholfen, einen Mann aus deiner Familie zum Beispiel?« »Ja, meinen Onkel.«
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»Dann weißt du auch, wie es geht. Ich erwarte dich im Kloster morgen in der Früh. Deine Töchter werde ich inzwischen in meine persönliche Obhut nehmen. Du wirst ihnen dort begegnen.« Vater Nicklas stieg in die Sänfte ein und gab ein Zeichen zum Aufbruch. »Und du wirst auch mit deiner Frau ein paar Worte wechseln dürfen«, ließ er noch fallen und die Prozession setzte sich in Bewegung, während Herman völlig allein in der Mitte des Dorfplatzes zurückblieb. Sein raffinierter Plan, die Kardinäle heimtückisch in eine Falle tappen zu lassen, gefiel dem Franziskanerbruder außerordentlich gut. Wenn alles so wie angedacht funktionierte, hätte der perfide Mönch endlich etwas in der Hand gehabt, belegt durch schriftliche Zeugenaussagen, womit er die beiden erpressen konnte, wenn sie eines Tages auf die Idee kamen, ihm Steine in den Weg zu legen. Wenn man einfach Kenntnis von den fleischlichen Vorlieben der Eminenzen hatte oder nur Gerüchte, mitunter auch sehr glaubwürdige, als Beweis anführen konnte, war es eine Sache, ganz anders ließ sich die Angelegenheit hingegen darstellen, wenn die »hohen Würdenträger« aus Rom auf den ahnungslosen Lockvogel hereinfielen, den er in ihr Gemach gesetzt hatte – einen dritten Mann, der ihnen mit Leib und Seele rund um die Uhr zur Verfügung stand und ihren Alltag versüßte. Das Zeugnis dieses Mannes, und Vater Nicklas hatte keine Bedenken, dass Herman, den er fest am Haken hängen hatte, seine Abenteuer restlos offenbarte, in Verbindung mit der bestätigenden Aussage der Oberin oder einer der Kanonissen, die an der Tür lauschte und sich alle Einzelheiten der Gespräche und Geräusche hinter der Tür säuberlich notierte, hätte Giulio und Ruggiero der gräuelhaften, gotteswidrigen Handlungen überführt. Guter Dinge und fröhlichen Gemüts entfernte sich der Untersuchungsrichter in der Sänfte immer weiter vom Dorf und näherte sich allmählich dem Eingang in die Schlucht, wo der Anfang des Hexenstiegs lag, der unmittelbar auf den Berg zum Tanzplatz führte. Er ahnte noch nicht, welch überraschende und seltsame Erscheinungen und Verwandlungen an diesem mysteriösen Ort auf ihn warteten.
Am Vortag hatte bereits Richard Knöpfle paranormale Phänomene und raumzeitliche Anomalien ausgiebig »genießen« können. Angefangen hatten die unerklärlichen Merkwürdigkeiten schon am frühen Morgen, während der Schriftsteller sein unbeabsichtigtes Nickerchen im Auto hielt.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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