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Des Teufels Steg: Seite 212

»Liebe Brüder und Schwestern!«, setzte der Inquisitor zu der »Moral aus der Geschichte« an. »Ihr seht selbst, wie tückisch eine Hexe sein kann und wie trügerisch der Schein! Seid wachsam. Wer von euch, Brüder und Schwestern, hat erst heute in der Früh gedacht, dass nur einige Stunden später eine von euch, eine, die jeder kannte, eine, der jeder vertraute, sich als Teufelsbraut entpuppen würde, die ihr Kind mit dem Leibhaftigen gezeugt hat?«

Vater Nicklas blickte in die Runde. Alle standen schweigsam, sahen beschämt zu Boden und überlegten ernsthaft, ob es bei der Dörflerin schon früher Anzeichen für ihr heimliches Tun und Treiben gegeben hatte.

Der Untersuchungsrichter gab den Wachen ein Zeichen, sie sollen den Saum der Cotte der entlarvten Hexe wieder hinunterlassen, während er weitersprach: »So wie es sich darstellt, hat nicht einmal ihr Ehegatte etwas von ihrem zweiten Gesicht, einer widerlichen Hexenfratze, gewusst!«

Sämtliche Augenpaare richteten sich auf ihren Mann, der ebenfalls unter den Leuten auf dem Dorfplatz stand und geistesabwesend auf seine Familienmitglieder in der Mitte starrte. Er fuhr zusammen, als er die Einstiche der spitzen Pfeile, die sich in den vorwurfsvollen Blicken der Menge verbargen, auf seiner Haut spürte, sah sich erschrocken um und suchte das Weite, ehe ihm noch etwas Ähnliches wie seiner Frau widerfuhr.

»Und so sage ich euch«, ging der Mönch zum abschließenden Teil seiner Dorfpredigt über. »Bleibt wachsam! Seht euch vor! Der Teufel ist gewieft und abgefeimt. Das Böse kann sich eines jeden eurer Nächsten bemächtigen, um euch vom wahren Glauben abzulenken – sei es euer Mann oder eure Frau, seien es eure Kinder oder Eltern! Und eine besondere Gefahr geht von den Kräuterweibern aus, die ihre mit giftigem Teufelsspeichel versetzten Tränke unters Volk bringen und von der verbotenen Frucht kosten lassen. Seid wachsam, misstraut jedem und benachrichtigt bei geringstem Verdacht die Heilige Inquisition, auf dass Gott eurer Seele gnädig bleibt. Im Namen des Herrn, Amen.«

Aus Erfahrung wusste der Franziskaner, dass seine Worte bald Wirkung zeigten. Nach den misstrauischen Blicken zu urteilen, die sich die Dorfbewohner während seiner Predigt gegenseitig zugeworfen hatten, rechnete er mit den ersten Denunzianten bereits in der kommenden Nacht und musste heute Abend noch daran denken, Marten entsprechende Anweisungen zu erteilen, damit dieser die Anzeigen zu Protokoll nahm. Er selbst hatte ja schon etwas vor und wollte keineswegs gestört werden.

»Es wird Folgendes von mir, dem Untersuchungsrichter der Heiligen Inquisition, angeordnet«, verkündete Vater Nicklas zum Schluss. »Es ist Pflicht eines jeden Dörflers und einer jeden Dörflerin, morgen bei Sonnenuntergang mit Kind und Kegel auf dem verhexten Berg zu erscheinen und der Einäscherung der Hexen beizuwohnen. Beim Fernbleiben droht ungeachtet des Geschlechts und Alters eine Strafe, angefangen mit der Exkommunikation über öffentliche Züchtigung und bis hin zum peinlichen Verhöre wegen des Verdachts der Zugehörigkeit zur Anhängerschaft des besagten Hexenzirkels – je nach Leumund und Grund der Abwesenheit. Die Schutzgarde wird der Prozession den Weg nach oben weisen.«

Unterdrücktes Tuscheln in der Menge wurde hörbar.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Des Weiteren«, sprach der Richter unbeirrt weiter, »wird verfügt, dass die frisch enttarnte Hexe unverzüglich ins Kloster gebracht und eingesperrt wird, bis zur Feststellung der Schwere ihrer Schuld. Mitsamt ihrer Tochter, deren Herkunft noch ungeklärt ist. Im Namen des Herrn, Amen. Die Versammelten dürfen fortan ihren Geschäften nachgehen.«

Noch eine Sache musste Vater Nicklas im Dorf erledigen, ehe er seinen Weg zum Hexentanzplatz fortsetzte. Die Unterredung mit diesem Herman, der gestern nach Wendhusen gekommen war, um eine bewaffnete Rebellion gegen die Heilige Inquisition zu melden, stand noch auf seinem Plan. Zuvor hatte der Richter bereits den Mann in der Menge ausgemacht und flüsterte nun einem Wachmann etwas kurz ins Ohr, woraufhin der Schutzgardist seine Schritte zu Herman lenkte, während die Dörfler nach und nach mit trüben, besorgten Gesichtern den Platz verließen.

»Mein Sohn«, sprach der Mönch zu Herman, als dieser endlich vor ihm stand. »Wie geht es deinen Töchtern?«

Der Mann zuckte zusammen. Was wusste der Richter von ihnen, fragte er sich. Und vor allem: Woher?

»Ich … Ich weiß nicht«, stammelte er. »Ich habe sie nicht gesehen, seitdem Metze …«

»Deine Frau habe ich gestern nach deinem Besuch vorläufig befragt«, schnitt ihm Vater Nicklas das Wort ab. »Nein, nein, keine Angst! Es waren keine peinlichen Fragen. Wir haben nur ein nettes, vertrauliches Gespräch geführt im Beisein des Folterknechts. Deine Frau hat übrigens wunderschöne, ansehnliche Beine! Gratuliere, du hast keine schlechte Wahl getroffen!«

»Euer Ehren, aber …«

»Und stell dir nur vor: Während wir uns unterhielten, hat sie zu Gott gefunden, Tränen vergossen und ihre Sünden bereut!«

»Aber …«

»Und darüber hinaus hoch und heilig geschworen, dass es einzig und allein dein Einfall war, die Kinder vor meiner Garde in der Scheune zu verstecken. Also frage ich dich noch einmal: Wie geht es ihnen?«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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