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Des Teufels Steg: Seite 198

Der Weinvertreter hatte vorhin ebenfalls ein paar Schluck von dem Zaubertrank zu sich genommen und es war kein Wunder, dass ihm die Wanderung anfangs wie ein Flug über den Wolken vorkam, zumal die Gegend zu dieser frühen Stunde auch einen nüchternen Mann an nichts anderes hätte denken lassen können, wenn er sich das Bodetal von oben angeschaut hätte. Bis zur Abbruchkannte mit Nebel wie ein Krug bis zum Rand mit Milch gefüllt lag das bezaubernde Tal vor dem armseligen Handelsreisenden und ließ ihn über hohe Dinge sinnieren: Über Gott und die Welt, über sein elendes Hundeleben, beinahe kam ihm wieder sein Wüstentraum in den Kopf, in dem ihn seine Exfrauen durch die Dünen jagten, über das ganze Ungemach mit Raum und Zeit, in das er unverschuldet wie in einen gigantischen Trichter hineingerutscht war und nicht mehr hinausklettern konnte, sodann Cecilia, die diesmal aber ihm nicht auf dem Kamm der sandigen Hügel folgte, sondern vom Hexentanzplatz über die Nebeldecke im Scheine des Mondes angerannt kam und wie von Sinnen schrie: »Hilf mir! Hilf mir! Hilf mir!«

»Ich komme«, flüsterte Wolfgang zur Antwort und war schon im Begriff den verhängnisvollen Schritt ihr entgegen zu machen, als eine kräftige Hand ihn am Nacken packte und in die Wirklichkeit zurückbrachte.

Ein Wilder Mann grunzte ihm etwas zu, wovon Wolfgang nicht das Geringste verstand, aber die Körpersprache des Kriegers ließ keine Zweifel übrig, was er von ihm wollte. Nämlich, dass der Weinvertreter brav der Kolonne auf dem Pfad folgte, die gerade in den feuchten, kalten Nebel auf dem Weg ins Tal abtauchte. Zum Glück mangelte es Breitscheid an überzeugenden Argumenten wie die Schlagwaffen der Wilden, um die Anweisung des Mannes in den Wind schlagen zu können, und er leistete ihr widerwillig Folge.

Die einzigen erfahrenen Menschen in dem Trupp, die schon oft genug in ihrem Leben die verzauberte Brücke überquert hatten, um zu wissen, dass ihr ganzes Unterfangen schon von vornherein, spätestens aber ab dem Augenblick, als sie das in Nebel gehüllte Tal von oben gesehen hatten, zum Scheitern verurteilt war, waren Gerlinde und ihre Tochter, doch anscheinend war der Verstand der beiden Frauen dergestalt von den bewusstseinserweiternden Substanzen getrübt, dass sie diesen Umstand gar nicht registrierten, und der Rest machte sich einfach keine Gedanken darüber, dass der Nebel genau wie die Wolken am Himmel den Mond verdecken konnten. Stattdessen marschierten alle munter den Hang des Tals hinunter.

Die Wilden Männer bewegten sich geräuschlos und schnell, sodass Wolfgang Breitscheid seine Mühe hatte, ihnen überhaupt zu folgen und nicht hoffnungslos zurückzufallen, geschweige denn, dass er bei dem Tempo noch Überlegungen bezüglich der Passierbarkeit der Zeitpforte anstellen konnte. Schließlich hatte er heute Nacht die Brücke schon einmal überquert und daran, warum es nicht ein zweites Mal gehen sollte, verschwendete er keinen Gedanken.

Es dämmerte bereits, als der Anführer der Wilden Männer abrupt stehen blieb und die Hand warnend in die Höhe hielt: Die anderen mögen doch seinem Beispiel folgen und sich ebenfalls ruhig verhalten! Er schnupperte voller Verdacht die feuchte, nebelige Luft, während unten in der Schlucht schon das Donnern der im Bodekessel eingeengten Fluten gegen die Felsen zu hören war. Es roch kaum wahrnehm-, jedoch unverwechselbar nach Rauch.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Der Hauptmann der Wilden versammelte die Männer um sich und erteilte ihnen Befehle – teils mit gedämpfter, brummend klingender Stimme, teils einfach mit andeutenden Gesten seiner Hände, die zu Wolfgangs Erstaunen alle Mitglieder des Kriegertrupps bestens verstanden. Denn es vergingen keine zwei Minuten, bis die Männer leise wie eine Schar Fledermäuse in alle Richtungen ausgeschwärmt waren und sich wenig später, wie es schien, spurlos im Zwielicht der Morgendämmerung aufgelöst hatten. Auf dem Pfad blieben nur der Anführer mit zwei Kriegern zurück, die die Frauen auf ihren Rücken trugen, und der verwirrte Handelsreisende, der aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam.

»Was ist passiert?«, fragte er Gerlinde ahnungslos.

»Jemand ist unten an der Brücke.« Die alte Frau zog die kühle Luft durch die Nase ein und überlegte kurz, ob sie dabei auch den Geruch von brennendem Holz gespürt hatte. »Sie machen dort Feuer.«

»Ich rieche nichts«, meinte Wolfgang. »Nur den feuchten Nebel.«

Gerlinde zuckte leicht zusammen und sah sich um. »Das ist aber nicht gut, Wilder Wolfgang«, sagte sie nachdenklich, als sie den Ernst der Lage erkannt hatte.

»Dass ich nichts riechen kann? Aber vielleicht ist ja auch keiner dort unten. Gestern Abend war auch keiner an der Brücke, als ich …«

»Das meine ich nicht, Wilder Wolfgang. Der Nebel! Die Brücke ist nicht da.«

Erst jetzt realisierte der Weinvertreter, dass die alte »Hexe« natürlich recht hatte: Kein Mond – keine Brücke!

Indes setzte sich der Rest der Wilden Männer wieder in Bewegung. Gerlinde hatte dem Hauptmann die traurige Erkenntnis bezüglich des Teufelsstegs nicht übersetzt, sodass dieser keinen blassen Schimmer von dem fehlenden Überweg hatte. Den Mann beschäftigten vielmehr die Unbekannten in der Schlucht, mit denen ihm und seinen Kriegern gleich eine Auseinandersetzung bevorstand, denn sie waren schon fast am Bodekessel angekommen und er wusste noch nicht, mit wie vielen Leuten er es zu tun haben würde und was die Fremden im Schilde führten.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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