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Des Teufels Steg: Seite 193

Die Sonne war allem Anschein nach noch nicht aufgegangen, aber der Morgen präsentierte sich bereits in allen erdenklichen Farben, jedenfalls war er nicht mehr grau, und die unheimlichen Geräusche der Nacht waren durch das fröhliche Gezwitscher der Tagesvögel abgelöst worden. Es herrschte Windstille und alles ringsum war von einer dicken Schicht Tau überzogen, sodass die leichte Sommerkleidung der Seilbahnangestellten, die sich in keiner Weise für eine Übernachtung im Wald eignete, völlig durchnässt war und bei Elke nichts außer erbärmlichem Zähneklappern hervorrief, wenn der feuchte Stoff mit der Haut in Berührung kam. Sie fror. Ein heftiger Anfall von fiebrigem Schüttelfrost folgte dem anderen.

Die Bruchstelle am Unterbein sah sehr übel aus – dick angeschwollen und rotblau angelaufen. Elke hatte kaum noch ein Gefühl im linken Bein, es lag einfach wie ein lebloser Fremdkörper ausgestreckt auf dem Boden vor ihr und nur der im Takt der Herzschläge pochender Schmerz erinnerte die Frau unablässig daran, dass es immer noch ein Teil von ihr war. Und mit diesem Körperteil musste dringend etwas passieren, festigte sich ihr Eindruck umso mehr, je länger sich die Brandenburgerin den Bruch oberhalb des Knöchels anschaute. Jemand musste die Verletzung sofort behandeln: Die Knochen richten, eine Schiene anlegen und ihr ein Antiseptikum verabreichen, ehe sie noch einen Wundbrand bekam, denn das Gewebe um die verletzte Stelle hatte sich bereits unübersehbar entzündet.

Käßler sah sich um. An ein Wunder, dass jemand zu dieser frühen Stunde plötzlich auf dem Wanderpfad stand und ihr unter die Arme griff, glaubte die Frau nicht mehr. Und so blieb ihr nur die Möglichkeit, sich selbst zu helfen. Elke suchte mit ihren Augen nach einem geeigneten Stock, einem trockenen Ast auf dem Waldboden in ihrer unmittelbaren Umgebung, denn »große Sprünge« waren für sie kaum noch zu schaffen. Es musste sich schon irgendwas Passendes in ihrer Nähe finden, um daraus eine Art Schiene zu basteln, an der sie das angeschlagene Bein festbinden konnte. Auf diese Weise wollte die Seilbahnangestellte versuchen, mit einem zweiten Stock als Krücke weiterzukommen. Sie musste es ausprobieren. Zum einen wegen ihrer eigenen Gesundheit und zum anderen hatte Elke nicht vergessen, aus welchem Grund sie überhaupt hier war. Die Frau konnte unmöglich wissen, was sich innerhalb der letzten Stunden auf der Lichtung abgespielt hatte, aber daran, dass dort nach wie vor eine Hundertschaft Polizisten vonnöten war, um die Zusammenkunft von Rechtsradikalen aufzulösen, zweifelte sie nicht.

Ihr Blick glitt entlang des Pfades und fand unglücklicherweise nichts Nennenswertes, was auch nur entfernt zur Lösung des Problems beitragen konnte, und gerade als Elke ihr Glück auf der anderen Seite ihrer Sitzgelegenheit versuchen wollte und ihre Augen vom Weg schwenkte, hielt sie inne mit dem Gefühl, etwas übersehen, eher sogar etwas Bedeutsames bemerkt, aber der Erscheinung nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Sie wiederholte ihre Suche. Der Verdacht bestätigte sich.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Zwei Paar glänzende, schwarze Knopfaugen starrten Elke plötzlich vom Wanderweg an. Sie gehörten zwei flauschigen, zusammengekauerten Fellknäulchen, die sich von der Farbe her kaum von der Umgebung abhoben. Die Knäuel hatten jeweils zwei steif aufgestellte, dreieckförmige Ohren, die deutlich heller waren als der Rest des Fells, und eine spitze Schnauze gleicher Farbe mit einer schwarzen, runden, wie aufgesetzten Nase am Ende. Die Tierchen winselten leise vor sich hin und generierten genau die Geräusche, die Elke schon die ganze Nacht keine Ruhe gelassen hatten. Sie rätselte erstaunt, wie sich zwei kleine Kätzchen so weit in den Wald verirrt haben konnten, als sie endlich ihren Irrtum begriff, nachdem sie sich die Tiere ein wenig aufmerksamer angesehen hatte: Es waren keine Katzen, es waren zwei kleine Waschbären, die offenbar ihre Mutter verloren hatten.

»Wo kommt ihr jetzt her?«, flüsterte Elke in ihre Richtung kaum hörbar. »Wo ist eure Mama?«

Als hätte das tierische Geschwisterpaar nur darauf gewartet, angesprochen zu werden, wimmerten die beiden einander unterbrechend kläglich los zur Antwort und erzählten Elke Käßler ihre leidige Geschichte in Waschbärensprache: »Sie ist weg. Mama ist weg. Wir sind ganz allein und wissen nicht, wohin!«

Wie verwunderlich es einem auch vorkommen mochte, aber Elke verstand jedes Wort von dem, was sie ihr mitteilten, und erwiderte wenig später: »Dann sind wir schon zu dritt. Ich weiß auch nicht, wohin, und vor allem nicht, wie. Lasst uns gemeinsam was überlegen.«

Die Frau setzte sich den Schmerz überwindend auf, um bei der Suche nach geeigneten Ästen einen besseren Überblick zu bekommen, als das etwas größere Tier, vielleicht der erstgeborene Bruder, plötzlich warnend knurrte und sich schützend vor seine kleinere Schwester stellte, die ihrerseits ängstlich winselnd von sich aus Schutz hinter seinem Rücken suchte.

»Ihr Dummchen!«, sagte Elke mütterlich sanft wie zu ihren eigenen Kindern. »Ich werde euch doch kein Härchen krümmen. Ich kieke nur nach einem Stock.«

Die Waschbärengeschwister schienen sie ebenfalls zu verstehen und beruhigten sich, wenngleich der große Bruder immer noch etwas kritisch und leicht misstrauisch dreinschaute und noch eine Zeit lang auf seinem Schutzposten verweilte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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