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Des Teufels Steg: Seite 171

Hannes stockte der Atem. Er wusste nicht, was Territion war, aber allein schon »Befragung von Gretlin« versetzte ihn in einen tiefen Schockzustand, eine Art Starre, in der er weder eine seiner Gliedmaßen bewegen, noch ein einziges Wort sagen konnte. Er war nur noch imstande zu denken und dachte Folgendes: Musste er nun mit ansehen, wie Vater Nicklas die absolut unschuldige Frau seines Freundes quälte und sie zur Befriedigung seiner Gelüste benutzte? Offenbar ja, denn der nächste Satz des Franziskaners tilgte in ihm die letzte Hoffnung.

»Neben der Ängstigung der Angeschuldigten durch das Vorführen der Foltergeräte bist du, Hannes, heute berufen, mir bei einigen Geräten als Folterknecht zu assistieren«, sagte er in einem Ton, der keine Widerreden zuließ.

Sein sozusagen »Lehrer«, überlegte der Tischler wütend, war ein mieser, gemeiner Hund, der alles schon von langer Hand geplant hatte. Seine Starre löste sich allmählich, aber er verspürte auf einmal einen unüberwindbaren Wunsch, an die frische Luft gehen zu müssen, um frei atmen zu können und allein mit Gott zu sein, der ihm vielleicht gütig den Weg weisen würde, den er in der schwersten Stunde seines Lebens gehen sollte. Aber eines wollte er noch vom Mönch wissen.

»Warum wurde Ruprecht verhaftet, Meister?«, fragte er geradewegs.

»Verhaftet?«, fragte Vater Nicklas scheinbar verwundert nach. »Nein, mein Sohn, dein Freund wurde nicht verhaftet! Er befindet sich in Gewahrsam, in unserer Obhut, wenn du willst. Und das »Warum« erfährst du zur rechten Zeit, schon sehr bald.«

Der Inquisitor tat sehr geheimnisvoll und wollte es ihm nicht verraten, mit der erteilten Auskunft musste sich Hannes begnügen. Er suchte händeringend nach einem passenden Vorwand, um den Raum zu verlassen und ins Freie zu gehen.

»Euer Ehren, Entschuldigung. Ich müsste mich jetzt entfernen, um das ›stille Örtchen‹ aufzusuchen«, sagte er schließlich.

»Ist recht, mein Sohn. Deine Not solltest du jetzt verrichten, denn, wie du siehst, ist alles für die Sitzung vorbereitet und wir fangen an, sobald ich und Ihre Eminenzen etwas für unser leibliches Wohl getan haben. In einer Stunde etwa. Ich werde alle rufen lassen, mein Sohn.«

Hannes ging aus der Tür, ohne ein Wort mehr zu sagen.

 

Kardinal Ruggiero erhob sich und eröffnete die Sitzung mit dem üblichen Spruch: »Im Namen des Herrn, Amen.« Er ließ sich Zeit und bedachte die Anwesenden mit einem strengen Blick, damit auch die Letzten noch zur Ruhe kamen und endlich verstummten.

Der Raum im Kellergewölbe, den Vater Nicklas zu einer Folterkammer, kombiniert mit einigen Merkmalen einer Gerichtsstube, hatte umfunktionieren lassen, war sichtlich etwas zu eng für die bevorstehende Maßnahme, sodass der Mönch seine Entscheidung bereits bereut hatte. Es gab zwar noch einen winzigen Nebenraum, dessen Bestimmung einem nicht sogleich erschloss, vielleicht eine Art Vorratskammer, aber er war viel zu klein, um darin die Foltergeräte unterzubringen und vor dem Richtertisch genügend Freiraum zu schaffen, damit die Angeklagten den richterlichen Gnaden in gebührendem Abstand vorgeführt werden konnten.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Irmel saß gleich hier auf einem Stuhl vor dem Tisch, sodass man zuweilen denken konnte, sie gehöre mit zu dem Richterkollegium, begriff aber schnell den Irrtum, wenn man die Eisen sah, in die sie nach wie vor gelegt war. Die Schneiderin schielte ängstlich auf die abgedeckten Gegenstände, wohl wissend, was sich unter den Tüchern verbarg, und betete im Stillen zu Gott, dass er ihr die körperlichen Leiden erträglich machte. Sie hatte dem Franziskaner gestern kein einziges Wort von seinen Beteuerungen geglaubt, von der peinlichen Befragung absehen zu wollen, und hatte, wie es sich zeigte, recht behalten.

»In dem Verfahren wegen dem Verdacht auf Hexerei gegen die Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale wird nunmehr folgendes Urteil gefällt«, verkündete Kardinal Ruggiero mit lauter Stimme. »Aufgrund der erdrückenden Last der Beweise und des eigenen Geständnisses vor diesem Gericht wird Schneiderin Irmel der Verbindung zu dämonischen Kräften, der Unzucht mit dem Teufel und des Betreibens eines Hexenzirkels schuldiggesprochen und zum Tode durch die Flammen verurteilt. Das Urteil ist endgültig und ist zu vollstrecken in der Nacht zum kommenden Sonntag auf dem Berg, den man im Dorfe zum Tale als den ›Hexentanzplatz‹ bezeichnet, im Beisein der ganzen Dorfgemeinde.«

Es herrschte Stille. Jeder im Raum war in seine eigenen Gedankten vertieft. Und sie waren ganz unterschiedlich. Hannes, der etwas abseits des Richtertisches gesenkten Hauptes an der Wand stand, überlegte krampfhaft, wie er sich seiner schmählichen Pflicht bezüglich Ruprechts Frau entziehen konnte – das Urteil hatte ihn nicht sonderlich hart getroffen, er hatte sich bereits etwas fast mit gleichem Wortlaut vorgestellt. Die alte Schneiderin, die der Richterspruch, wie es nicht direkter sein konnte, etwas anging, schien deswegen ebenfalls nicht besonders bestürzt zu sein, sie freute sich hingegen beinah schon, dass ihr die Folter doch noch erspart blieb – hätte man bald sagen können, wenn sich der Satz nicht so grausam nach derbem, höhnischem Galgenhumor angehört hätte. Und Vater Nicklas sah ein, dass er den Kardinälen eines lassen musste – ihren Einfallsreichtum, denn er selbst wäre vermutlich nicht auf die glänzende Idee gekommen, die Exekution auf den Hexenberg zu verlegen und das gesamte Dorf der Vollstreckung des Urteils beiwohnen zu lassen. An was der amtliche Folterknecht dachte, der sich bislang neben dem »spanischen Bock« untätig langweilte, war an seinem Gesicht nicht zu erraten, aber die ehrenwerte Äbtissin Kunigundt, die mit zwei Kanonissen in der Tür zur Vorratskammer stand, schlug unentwegt Kreuze und murmelte leise irgendein Gebet mit frommem Gesichtsausdruck, offenkundig die traurige Gewissheit des Todes als unausweichliche Gegebenheit von oben akzeptierend und ihr Mitleid mit der Verurteilten bekundend, doch wenn sie zwischen den Kreuzzeichen ihre Augen verstohlen zum Richtertisch hob, zum Franziskanerbruder Nicklas, um genau zu sein, dem sie ihre verschwörerischen Blicke zuwarf, wusste man nicht so recht, ob das, womit sie sich in ihrem Kopf beschäftigte, wirklich etwas mit tiefer Trauer zu tun hatte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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