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Des Teufels Steg: Seite 16

Doch ganz im Unrecht war Irmel nicht. Sie musste seinerzeit etwas davon mitbekommen haben, dass sich Cecilia, und vor ihr schon ihre Mutter, nachts bei Vollmond auf den Weg ins Bodetal machten – der Tanzplatz wäre auch über den Pfad zu erreichen gewesen. Das mit dem Berg war absoluter Unsinn, Cecilia hatte noch nie in ihrem Leben diesen Tanzplatz zu Gesicht bekommen und Ursel auch nicht, denn sie hatte ihre Tochter schon als kleines Mädchen zu der Großmutter mitgenommen und an einen Tanzplatz konnte sich Cecilia beim besten Willen nicht erinnern. Was allerdings an der Geschichte stimmte, waren die Kräuter, die zuerst Ursel und dann auch Cecilia von ihrer Mutter und Großmutter mitbrachten. Nicht ganz aus der Luft gegriffen war auch die Behauptung, dass Ursel daraus Heilmittel und Zaubertränke zubereitete, wie Gerlinde sie gelehrt hatte, und nunmehr ihrer Tochter die Geheimnisse dieser Kunst beibrachte. Letztendlich war es das Einzige, was die beiden konnten und womit sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Die kleinen Tonfläschchen mit ihrem Zauberinhalt waren begehrt, sie hatten schon manch einen vor Wundbrand nach einer schweren Verletzung bewahrt oder einen anderen vom zehrenden Fieber erlöst. Aber weder Ursel noch Cecilia wussten auch nur in Ansätzen, wie man mit der Kraft der Kräuter Jungfrauen zu Hexen machte. Das war von Irmel frei erfunden worden.

Cecilia lernte schnell. Sie kannte alle Kräuter, die ihrer Mutter geläufig waren, und konnte auch alle gängigen Mixturen herstellen, die im Dorf vorzugsweise zur Anwendung kamen. Inzwischen war sie dabei auf sich allein gestellt, denn Ursel konnte sich kaum noch in dem Bett aufrichten, an das sie ihre Krankheit gefesselt hatte. Sie war seit zwei Jahren querschnittsgelähmt und hatte kein Gefühl mehr in ihren Beinen. Dagegen half auch kein Zaubertrank, nicht mal die Kräuter, die Gerlinde aus ihrem Exil schickte, zeigten irgendwelche Wirkung. Ihre Zukunft sah düster aus, sie hatte es schon vor einiger Zeit deutlich erkannt und eines Tages Cecilia zu sich gerufen, um mit ihr ein ernstes Mutter-Tochter-Gespräch zu führen.

»Es dünkt mich«, sagte sie zu Cecilia, »dass ich von diesem Bett nie wieder aufstehen werde.«

»Mutter! Wie kannst du …?« Cecilias Stimme ging in Tränen unter.

»Mein Kind«, fuhr Ursel beruhigend fort, »wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen. Es ist der natürliche Lauf des Lebens. Ich weiß nicht, wie lange ich noch habe, aber dass du ab sofort allein zurechtkommen musst, steht fest.«

Cecilia wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, schluchzte noch ein paarmal wie ein Kind, das von seiner Mutter plötzlich vom Weinen abgelenkt wurde, und fragte unbedarft: »Und was soll ich machen?«

»Ich werde dich ab morgen unterweisen in der Kräuterkunde. Du sollst alles erfahren, was ich weiß, und unsere Sache weiterführen. Du wirst viel zu tun haben.«

»Denkst du, ich schaffe es, Mutter?«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Du schaffst es, Cecilia. Aber das ist noch bei Weitem nicht alles. Du wirst lernen, wie man den Haushalt führt, und du musst auch die Großmutter versorgen. Den Weg kennst du ja, nachdem ich dich schon so oft mitgenommen habe.«

»Ja, Mutter, ich mache alles, was du verlangst, ich will nur, dass es dir besser geht«, gab das Mädchen Ursel zum Schluss ihr Wort.

An ihr Versprechen hielt sie sich seitdem. Sie pflegte ihre Mutter, sie versorgte ihre Großmutter und sie machte große Fortschritte in der Kräuterkunde. Sie wuchs unterdessen zu einer hübschen jungen Frau heran und spürte mit jedem Tag immer deutlicher diese anschwellende Weiblichkeit in ihrem Inneren, gegen die sie nichts mehr ausrichten konnte. Cecilia hatte sich schon einige Male dabei erwischt, wie sie jungen Männern aus dem Dorf auf der Straße nachsah, während äußerst merkwürdige Visionen ihren Kopf füllten, die ihr im Nachhinein peinlich waren. Anfang des Sommers hatte sie ihre erste Blutung bekommen und war nun, soviel sie von der Sache verstand, reif dafür, um sich jemanden zum Mann zu nehmen. Doch sie traute sich nicht, den jungen Männern aus den christlichen Familien zu nähern, die ihrerseits ebenfalls eine gewisse Abneigung gegen die »Heiden« an den Tag legten, und andere Männer gab es in ihrem Dorf nicht. Cecilia hatte schon insgeheim überlegt, sich den Christen anzuschließen und sonntags mit den anderen zur Kirche nach Wendhusen zu gehen, um die Junggesellen auf sich aufmerksam zu machen, ließ ihre Pläne letzten Endes jedoch fallen, denn sie hatte ihrer Mutter das Wort gegeben, die Kräuterküche nach alten Sitten weiterzuführen, und soweit sie wusste, wäre es mit der christlichen Lehre nicht vereinbar gewesen. Sie versuchte, die neue Situation geheim zu halten, und verlor nicht einmal in den Gesprächen mit Ursel auch nur ein einziges Wort darüber. Sosehr sie sich bemühte, entging den Augen der erfahrenen Frau der körperliche Wandel bei ihrem Kind aber nicht.

»Du hast deine Tage bekommen und bist nun eine Frau«, sagte Ursel eines Morgens, als sie eine verwischte Blutspur am Fußknöchel ihrer Tochter entdeckte, die Cecilia unter der Cotte übersehen hatte.

Das Mädchen senkte verlegen den Blick. »Mutter, ich wollte es dir sagen, aber …«

»Du hast nichts falsch gemacht.«

»… aber ich wollte nicht, dass du traurig bist«, teilte sie Ursel ihre Bedenken mit.

»Warum soll ich denn traurig werden?«, fragte die Mutter verwundert.

»Ich werde nicht heiraten, hab keine Sorge, und ich werde dich niemals verlassen! Ich dachte, du hättest deswegen traurig werden können.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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