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Des Teufels Steg: Seite 157
Jemand rüttelte und trommelte an der Tür, die in den Zeitabschnitten, in denen er Frau und Kind hörte, an der Mauer sichtbar wurde. »Warum hat man sie abgeschlossen?«, fragte der Junge seine Mutter. Wolfgang konnte die Kinderstimme nunmehr genauer einem Geschlecht zuordnen. »Ich weiß nicht, Jens!«, antwortete die Frau, die sich inzwischen etwas weiter weg vom Ort des Geschehens zu befinden schien. »Komm schon! Wir wollten ja noch mit der Seilbahn auf die andere Seite zum Hexentanzplatz fahren.« Breitscheid wurde hellhörig. Was passierte hier? Es hörte sich doch alles nach seiner eigenen Zeit an! Die Seilbahn zum Hexentanzplatz gab es nur dort. Und der Junge mit der Frau waren allem Anschein nach Ausflügler, die die Gegend rund um Thale erkundeten. Wenn das keine erfreuliche Nachricht war … Er musste handeln, sagte sich der Weinvertreter, zum Beilspiel laut um Hilfe rufen, damit die Spaziergänger ihn aus diesem Turm – der Junge hatte doch etwas von einem Turm gesagt, erinnerte sich Wolfgang – herausholten und er endlich wieder in seiner Wirklichkeit landete. Offenbar war, wie die aktuellen Vorgänge es zeigten, ein solcher Zeitsprung möglich, ohne dass man sich in der Nähe dieser verdammten Brücke befand oder gar über sie wandern musste. Er holte tief Luft, aber der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken – ihm gegenüber an der Wand saß zusammengekauert eine Frau, die ihn mit einem teils neugierigen, teils entsetzten Blick anstarrte. Nein, es war nicht die Mutter von dem Jungen, die Wolfgang vorhin hatte reden hören, denn das Timbre ihrer Stimme ließ dahinter eine verhältnismäßig junge Frau, höchstens eine weibliche Person mittleren Alters vermuten. Diese Frau hier in der Ecke war alt, richtig alt, so alt, dass sie schon bald seine Mutter hätte sein können, eine Greisin mit zerzaustem grauen Haar, gekleidet … na, etwa so, fiel es Breitscheid wieder ein, wie Cecilia und ihre Mutter vorhin gekleidet waren. Die betagte Frau musste auf irgendeine Weise zu den beiden gehören, oder zumindest in ihre Zeit, ins Mittelalter, mutmaßte der Weinhändler. Und sie sah aus wie … wie eine Hexe, formulierte Wolfgang für sich das Unübersehbare, was ihm beim Anblick der rätselhaften Erscheinung gleich ins Auge stach. »Wer bist du?«, fragte die alte Frau sichtlich erstaunt. Sie sprach dieselbe Mundart wie das blonde, blauäugige Mädchen. »Ich bin Wolfgang«, antwortete der Handelsreisende mit schwacher, heiserer Stimme – warum er vorhin angenommen hatte, er könne laut um Hilfe schreien, war ihm ein Rätsel, der Versuch wäre bestimmt schiefgegangen. »Und wer bist du?« »Gerlinde.« Gerlinde … Gerlinde – schrillten die Glocken in Wolfgangs Kopf. Gerlinde hieß doch … Mit diesem Vornamen hatte das blonde Mädchen doch ihre Großmutter genannt, als sie ihm die Geschichte von der Flucht in einen stillgelegten Bergstollen erzählt hatte, erinnerte sich Breitscheid. Aber die Frage, die sich ihm als Nächstes stellte, war: Wo war er? Etwa auch in diesem Stollen, wenn er schon mit dieser Gerlinde sprach?«
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»Wo sind wir?«, wollte er von der alten Frau wissen. »Ich weiß nicht«, sagte Gerlinde vorerst nur die halbe Wahrheit. »In einem Turm.« Den Teil mit der Erklärung, wie sie in den Turm gekommen war und wie verzweifelt sie nach einer Lösung für ihr Problem suchte, verschwieg sie. Es war in ihrer Situation nicht ungefährlich, jedem, der des Weges kam, alle Einzelheiten zu ihrem Aufenthalt an diesem Ort offenzulegen, aber andererseits sah die gebrechliche Frau, wie benommen der Mann wirkte, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, und spürte keine direkte Gefahr, die von ihm ausging. Dieser Wolfgang, wie er sich nannte, war eindeutig nicht hinter ihr her. Vielmehr benötigte er, so kam es ihr vor, sogar selbst Hilfe. »Kennst du …«, fragte Breitscheid, um auf Nummer sicher zu gehen, mit wem er es zu tun hatte, »kennst du ein blondes Mädchen Cecilia?« Der Gesichtsausdruck der alten Frau änderte sich schlagartig von abwartend auf aggressiv. »Woher …? Was ist ihr zugestoßen?«, erhöhte sie äußerst aufgewühlt und, wie es sich anhörte, zu allem entschlossen, ihre Stimme, als ob sie vorhatte, im nächsten Augenblick auf Breitscheid mit geballten Fäusten loszugehen, wenn er ihr gleich etwas Unerfreuliches von ihrer Enkeltochter berichtet hätte. »Nichts«, erwiderte der Handelsreisende, leicht irritiert von Cecilias Großmutter übermäßiger Reaktion. »Ich weiß es nicht. Cecilia ist doch deine Enkelin und ihre Mutter, Ursel, ist deine Tochter, stimmt? Sie haben mir alles über dich erzählt. Ich habe den beiden bis zur Brücke geholfen, sie wollten zu dir vor den Hexenjägern fliehen, aber die Brücke gab es nicht wegen dem Regen. Und mehr weiß ich nicht. Ich wurde zusammengeschlagen von einem … wilden Typen und jetzt bin ich hier.« »Von wem?«, hinterfragte Gerlinde, die Wolfgangs Erzählung mit Interesse folgte. »Na … so ein Mann im Tierfell.« Das Wort »Neandertaler«, das ihm schon auf der Zunge lag, ersparte sich Breitscheid, um weiteren Verständigungsproblemen aus dem Wege zu gehen. »Es muss ein Wilder Mann gewesen sein«, mutmaßte die Greisin. »Er hat die Wilden Frauen, meine Tochter und Enkeltochter, erschnuppert und wollte sie vor dir retten.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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