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Des Teufels Steg: Seite 144

Die Patrioten zogen weiter, zum Glück hatten sie jetzt mehr Licht und kamen zügiger voran. Der Stollen blieb allerdings leer, jedenfalls hatten sie nach einer weiteren Viertelstunde immer noch keine Spur von der »kleinen Hexe« entdeckt, als Jürgen auf einmal aufhorchte.

»Seid mal still«, sagte er. »Da ist was!«

Alle hielten inne und hörten in die Dunkelheit des Ganges, die in fünf Metern Entfernung, an der Grenze des beleuchteten Bereiches, wie ein schwarzes Loch alles Licht verschluckte.

»Das ist ein Auto«, brach Ralf das Schweigen.

»Es muss hier einen zweiten Eingang geben«, mutmaßte Hans.

»Über den uns die ›kleine Schlampe‹ entwischt ist!«, versuchte Schorsch erneut, den Hauptmatador aufzuziehen.

»Ausnahmsweise hast du mal recht!«, versetzte Hans. »So muss es gewesen sein.«

Wenig später hörten sie auch die entfernten Stimmen und Gelächter von Holgers Jungs, die nur von draußen kommen konnten, und als sich vorne in der völligen Dunkelheit ein grauer, bogenartiger Fleck abzuzeichnen begann, hatte keiner mehr Bedenken, dass es in der Tat der zweite Eingang war.

»Scheiße«, fluchte Dieter laut, als die Gesellschaft sich dem Mundloch näherte. »Hat jemand an das Brecheisen gedacht? Da ist ja wieder ein Gitter dran! Wir müssen wohl umkehren.«

»Halte ich für ein Gerücht!«, entgegnete Hans, der als Erster den Ausgang erreichte. »Da hat schon jemand die ganze Arbeit geleistet.«

An der Überwurffalle, die an der Gittertür montiert war, hing kein Schloss. Anscheinend war seinerzeit bereits eine andere »Expedition von Höhlenforschern« in der Gegend unterwegs gewesen, die für den störfreien Durchmarsch der Jenaer »Entdecker« gesorgt hatte. Hans drückte gegen das Gitter, die Tür gab nach und öffnete sich mit lautem Quietschen der eingerosteten Angeln. Sie waren draußen, zumindest war es Johannes, der als Erster mit der Laterne in der Hand auf dem kleinen Platz vor dem Eingang erschien.

»Endlich mal ein bisschen frische Luft!« Er atmete erleichtert auf, während Jürgen und Ralf sich noch gebückt durch das enge Stollenmundloch hintereinander zwängten.

Jürgen machte, sobald er sich zu Hans gesellt hatte, die Augen zu, richtete sein Gesicht zum Himmel und genoss die kühlen Regentropfen, die seine Stirn und Wangen benetzten. »Nie wieder gehe ich mit dir in dieses Scheißloch rein! Da kannst du sicher sein«, teilte er dem Anführer seinen Entschluss mit.

Dieser schwieg, sah seinen Kumpel jedoch mit einem vorwurfsvollen Blick an.

»Willst du da übernachten?«, fragte Ralf, der etwas abseits hinter den beiden stand und endlich seine Notdurft verrichten konnte. Er wollte von Dieter wissen, aus welchem Grund dieser immer noch im Stollen steckte und die Taschenlampe hin- und herschwenkte.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Nein«, meldete sich der Schläger. »Aber sagt doch mal: Was ist denn das hier?«

Er kroch aus dem Stollen und streckte seine Hand aus. Auf der Handfläche lag ein kleines, aber prall gefülltes und sorgfältig zusammengebundenes Päckchen.

»Wo hast du das her?«, erkundigte sich Johannes.

»Lag vor dem Ausgang an der Wand.«

»Mach es mal auf, Ralf«, sagte Jürgen.

Ralf löste umständlich den kleinen, festen Knoten an dem Bündel, das nach wie vor auf der Hand bei Dieter lag, und faltete mit beiden Händen langsam und vorsichtig das Tuch auseinander. Johannes hob die Laterne an und Dieter richtete die Taschenlampe auf den geheimnisvollen Fund. Die Spannung stieg mit jeder weiteren Stoffschicht und als der Inhalt zum Vorschein kam, waren dem Staunen keine Grenzen gesetzt.

»Meine Fresse …« Dieter fehlten weitere Worte, um seine Verwunderung zum Ausdruck zu bringen.

Auf seiner Hand lag ein Häufchen getrockneter Pilze, und zwar von der Sorte, von der sie gestern Abend alle high geworden waren und deren Wirkung zum Teil noch bis zur Stunde andauerte.

»Hat noch jemand …?«, setzte der Zellenanführer nachdenklich zu einer Frage an, während er auf die Pilze starrte. »Hat noch jemand Fragen, wo sich die kleine Hexe versteckt?«

Nein, Fragen hatte keiner mehr, sogar Jürgen kam der Gedanke, dass Hans möglicherweise gar nicht so unrecht hatte mit dem Hexenunterschlupf. Doch seiner Meinung nach änderte es am Ende nichts an der Tatsache, dass sie der Hexe nicht habhaft geworden waren, und Hansens Hexentheorie hing unverändert in der Luft.

Die »Hexe«, der das Versteck in dem stillgelegten Bergwerk in Wirklichkeit gehörte, befand sich derzeit glücklicherweise bereits auf halbem Wege zur Roßtrappe und somit außer Reichweite der Fangarme der arischen Gemeinschaft. Gerlinde hatte schon das Bündel mit den Pilzen vermisst, als sie eine Pause eingelegt hatte, um sich auszuruhen und die Wirkung ihres Heilmittels, und die Pilze betrachtete sie nur als ein solches, aufzufrischen. Sie gaben ihr überhaupt erst die Kraft, diese Wanderung durchstehen zu können, sonst wäre die alte Frau bereits zusammengebrochen, noch bevor sie die ebene, feste Straße unter ihren Füßen hatte, die an der Roßtrappe vorbei nach Thale führte. Denn vorher musste sie vom Nebeneingang der Grube kommend noch einen kleineren Hügel hochklettern, der vielleicht für ihre Enkeltochter vermutlich keine bedeutsame Hürde war, für Menschen ihres Alters jedoch ein unüberwindbares Hindernis hätte darstellen können. Zum Glück, oder besser gesagt, es war ihre Absicht gewesen, hatte Gerlinde vor der Flucht aus dem Stollen einen großen Becher des Zaubertranks zu sich genommen, auf Vorrat, wie sie die hohe Dosis der Medizin vor sich selbst rechtfertigte, um so weit wie möglich zu kommen, ohne den Rest der Hexenpilze anzurühren, die sie in ein sauberes Tuch verpackt und mitgenommen hatte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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