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Des Teufels Steg: Seite 143

»Die Pilze sind ihm wieder in den Kopf gestiegen!«, mutmaßte Jürgen voller Häme.

Doch Hans blieb unbeeindruckt: »Ich sag doch, ihr habt keine Ahnung, was ich alles erfahren habe!«, meinte er unnachgiebig.

»Okay, dann sehen wir mal nach!«, sagte schließlich Schorsch pragmatisch und gab Dieter ein Zeichen, er solle doch mit der Lichtquelle vorangehen.

Johannes hatte recht. Das musste der Rest der Truppe einräumen, sobald der Lichtstrahl der Taschenlampe in das Innere der Wohnstube von Gerlinde gefallen war. Alles, was die Thüringer Burschen in dem Raum sahen, wies unverkennbare Zeichen des täglichen Gebrauchs auf: Das Geschirr, ein paar Teller und Tassen, stand in einer Ecke auf einer Art Küchenschrank, als hätte man es erst vor Kurzen gespült und zum Abtropfen hingestellt, das Kissen auf dem improvisierten Bett an der gegenüberliegenden Wand hatte eine Vertiefung in der Mitte, sodass davon ausgegangen werden konnte, jemand hatte gar nicht so lange her mit seinem Kopf darauf gelegen, auf dem Tisch in der Mitte des Raumes lagen noch ein paar Krümel, die von einer Mahlzeit zurückgeblieben waren, und eine Laterne in der Tischmitte zeugte davon, dass derjenige, der hier gespeist hatte, nichts von einem Leben in völliger Dunkelheit hielt. Mit einfachen Worten, das Zimmer, wenn man die Unterkunft so nennen durfte, war bewohnt!

»Das ist ja ein Ding!«, staunte Ralf.

»Ich hab’s ja euch gesagt«, beharrte Johannes weiterhin auf der Richtigkeit seiner Prophezeiung, obwohl keiner mehr das Offensichtliche bestritt. »Ihr habt ja keine Ahnung.«

»Seht mal, da ist eine Laterne«, sagte Dieter und richtete die Taschenlampe auf den Tisch. »Ob wir die noch anbekommen?«

»Müsste gehen«, beruhigte Ralf die Gang, nachdem er an den Tisch getreten und die altertümliche Lichtquelle inspiziert hatte. »Eine Kerze ist noch … Was ist ’n das? So ’ne komische Kerze hab ich noch in meinem Leben nicht gesehen!«

Jürgen klickte mit dem Feuerzeug und machte die Laterne an. Wesentlich mehr Licht als vorhin erfüllte den Raum, sodass man nunmehr jede Ecke der geheimen Unterkunft in der alten Zeche halbwegs sehen konnte. Sie war nicht groß, aber offenbar fehlte hier nichts, was für einen einfachen Haushalt erforderlich war.

»Wo gehen sie denn pissen, wenn sie müssen?«, stellte Ralf die Frage, die ihn anscheinend schon seit geraumer Zeit quälte, als er sah, dass der Unterschlupf keine sanitären Anlagen besaß.

»Keine Ahnung. Im Wald«, wimmelte ihn Jürgen ab, der gerade im Begriff war, einen Gedanken zu formulieren. »Nun, schön und gut«, meinte er anschließend, »wir haben hier was gefunden, Hans, aber das Vöglein ist wohl ausgeflogen. Wo ist denn deine kleine Hexe? Hat dieser Unterschlupf überhaupt was mit ihr zu tun? Es kann ja sein, dass hier irgendein Penner haust.«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Sie muss hier sein! Ich kann es riechen.« Der Anführer der Jenaer Zelle sah sich um mit einem wilden Blick und folgte seinem Geruchssinn wie ein Jagdhund, indem er chaotisch aus einer Ecke des Raumes in die andere hetzte, um auf eine Fährte zu stoßen. »Hier! Was ist das zum Beispiel?«

Jürgen sah im schwachen Licht, wie sich sein Freund in einer Ecke bückte und etwas vom Boden aufhob. Ein leises Rascheln wie das des trockenen Laubs an einem regenfreien Herbsttag unter den Füßen wurde vernehmbar.

»Was ist das, frage ich dich?«, bedachte Johannes seinen ungläubigen Kumpel triumphierend mit einer Frage, als er zu der Gruppe mit einem vertrockneten Grasbüschel in der Hand zurückkehrte.

»Und was?«, erwiderte Jürgen, der diese Art von rhetorischen Fragen nicht ausstehen konnte, wenn der Fragende nur seine vermeintliche Überlegenheit zeigen wollte, wohl wissend, dass der Gefragte sich für den ganzen Humbug nicht einmal entfernt interessierte und zwangsweise raten musste, um sein Gegenüber nicht zu beleidigen. »Sag schon! Woher sollen wir denn wissen, was dir alles einfällt!«

»Es sind getrocknete Kräuter für die Hexenküche!«, klärte der Anführer den Rest mit wichtiger Miene auf. »Das ist ein Beweis!«

»Keine Ahnung, was du meinst«, gab Jürgen mit müder, gleichgültiger Stimme von sich. »Was beweist es schon?«

Johannes fühlte sich gekränkt in seinem Stolz. »Na, was denn wohl?«, reagierte er ungehalten. »Dass die kleine Schlampe hier wohnt! Es ist ihr Versteck!«

»Ja, okay«, lenkte Schorsch entnervt ein. »Du hast recht und ich hab meine Ruhe!« Er konnte den Grund für die Auseinandersetzung nicht nachvollziehen, am allerwenigsten aber, warum das Mädchen, die »kleine Hexe«, wie Hans sie nannte, so eine enorm große Bedeutung für ihn hatte, dass er schon den zweiten Tag in Folge von ihr wie besessen war. »Und was machen wir nun?«, wollte Jürgen noch abschließend wissen.

»Was denn sonst? Weitersuchen! Wir gehen weiter, den Stollen entlang. Wir haben sie aufgescheucht und sie ist hier rausgeschlüpft, aber sehr weit konnte sie nicht kommen. Sie sitzt bestimmt in irgendeiner dunklen Ecke im Stollen!«

Die Nationalbefreier rümpften die Nasen. Doch keiner der Anwesenden widersprach ihrem Anführer. Ausgenommen Jürgen, der seine Versuche, die Vernunft walten zu lassen, allem Anschein nach aufgegeben hatte und schwieg, konnte so eine Aktion für jeden anderen in der Gruppe üble Konsequenzen haben, und es ging dabei nicht um körperliche Gewalt, oder nicht nur um sie, denn Dieter beispielsweise hätte ihren Häuptling ohne Weiteres windelweich klopfen können. Was dem Haudrauf allerdings hinterher gefehlt hätte, war das allabendliche Bier und außerdem noch ein paar von den kleinen Annehmlichkeiten, die das Leben schön machten, wie unter anderem, sich jeden Tag auf Kosten der Zelle »vollfressen« zu können, kostenlose Dienste von Mädchen in den einschlägigen Etablissements in Anspruch zu nehmen und, nicht zuletzt, hinsichtlich seiner Konflikte mit dem Gesetzt immer ungeschoren davon zu kommen – ihr Chef kannte sehr einflussreiche Leute, sowohl in der Unterwelt als auch in der Politik, die mit ihrem gewichtigen Wort im Hintergrund es meistens erst gar nicht zu einer Festnahme kommen ließen. Kurz und bündig erklärt, Johannes hatte jedes der Mitglieder seiner Zelle wie einen gefangenen Fisch fest an einem Haken hängen, ob finanzieller oder krimineller Natur, und die Strafe für den Ungehorsam konnte für sie in verschiedenster Hinsicht sehr empfindlich werden.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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