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Des Teufels Steg: Seite 140

9. Kapitel: FLUCHT INS REICH DER WILDEN MÄNNER

Es regnete schon seit Stunden, mal heftiger, mal weniger intensiv, und Gerlinde erlangte nach und nach die Gewissheit, dass es heute Nacht nichts mehr wurde mit dem Besuch von ihrer Enkeltochter Cecilia. Wie hätte sie es denn bewerkstelligen sollen? Der Himmel war allem Anschein nach dicht bedeckt, vom Mond konnte jedenfalls keine Rede sein, und aufgrund dessen gab es zwischen den Welten auch keine Verbindungsbrücke, über die das liebe Mädchen die Schlucht hätte überqueren können.

Bereits eine ganze Weile verharrte die betagte Frau im Stollen in der Nähe eines der Nebenausgänge, der weit genug vom Hauptmundloch entfernt war, und lauschte angespannt in die Nacht, in das gleichmäßige, beruhigende Rauschen des tröpfelnden Regens hinein, ob die friedliche Geräuschkulisse nicht durch fremdartige Laute gestört wurde, um sich rechtzeitig in Sicherheit bringen zu können, ehe sich die lärmende Horde betrunkener Rüpel Zugang zu ihrem unterirdischen Unterschlupf verschaffen würde. Die Gefahr, vor der sie ihr Enkelkind gewarnt hatte, nahm sie überaus ernst, vor allem weil es der wilden Schar dabei um Hexen ging, die es zu vernichten galt. Das kannte sie schon aus ihrer früheren Zeit. Die Hexenjäger mussten schon bald auftauchen, nahm Gerlinde an, denn sie saß hier bereits lang genug, um behaupten zu können, bis zum Morgengrauen konnte es nicht mehr allzu lange dauern, und dass die Flegel noch vor Tagesanbruch johlend anrücken würden, hatte die Greisin keinerlei Zweifel.

In der Zwischenzeit hatte die alte Frau allerhand Überlegungen angestellt, wo sie nun allein in ihrer Not hinkonnte. Die Auswahl war nicht groß. Alles in allem gab es nur zwei Möglichkeiten: Gerlinde konnte entweder auf der rechten Seite der Schlucht fliehen und wäre dabei zum Hexentanzplatz gekommen, wo sie ein paar gute Stellen kannte, um sich zu verstecken, oder sie musste den Weg entlang der linken Abbruchkante des Tals nehmen, um in die Siedlung der Wilden Männer auf dem Felsen auf der anderen Seite der Schlucht zu kommen, dem Berg, den man heutzutage Roßtrappe nannte.

Aber das wusste Gerlinde nicht, genauso wie sie keine Vorstellung davon hatte, ob die Wilden Männer in dieser Welt auf dem Felsen ansässig waren. Sie ging erst einmal davon aus, denn es gab ja auch schlussendlich den Tanzplatz und von dort hatte sie schon mehrmals den Berg der Wilden Männer betrachtet, immer nur nachts, sodass sie nicht das Geringste darauf sehen konnte, aber trotzdem: Es gab ihn und der alten Frau fiel kein Grund ein, warum es dort nicht die Wilden Männer geben sollte wie in ihrer ursprünglichen Heimat. Zumal sie auch schon mal einen Wilden Mann auf dem Tanzplatz erlebt hatte. Aber wo sich sein Zuhause befand, entzog sich ihrer Kenntnis, der Mann war ziemlich schweigsam gewesen.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Wenngleich Gerlinde während der ganzen Zeit, in der sie sich im Stollen versteckt hatte, noch nie bis zur mutmaßlichen Siedlung der Wilden vorgedrungen war, von der auch in ihrer Welt kaum einer etwas gewusst hatte – sie glaubte, sie war die Einzige im Dorf gewesen –, neigte sie dazu, bei ihrer Flucht diese Richtung einzuschlagen. Sie bot gleich zwei wesentliche Vorteile gegenüber der Wanderung zum Hexentanzplatz. Zum einen hatte sie schon mehrmals die breite gepflasterte Straße gesehen, die sie aller Voraussicht nach zu ihrem Ziel bringen würde – die Leute in dieser Welt konnten gute Wege bauen, das musste man ihnen lassen –, wohingegen der Tanzplatz hinter einer unwegsamen Waldung lag, durch die sie sich schon seit eh und je über Stock und über Stein schlagen musste, um dorthin zu gelangen, und bei Nacht und Regen wäre der Weg für sie nicht zu bewältigen gewesen. Zum anderen glich die Flucht auf den Hexenberg einem Versuch, Zuflucht in einer Höhle zu suchen, und zwar vor dem Löwen, der in ebendieser Höhle nächtigte. Denn die Hexenjäger, vor denen Gerlinde eigentlich fliehen wollte, lagerten in aller Regel dort, auf dem Hexentanzplatz. Bei den Wilden Männern versprach sich die alte Frau dagegen Schutz und ein sicheres Versteck, letztendlich waren es Männer ihres Volkes, sie hätten eine alte Wilde Frau schon nicht ausgestoßen, erhoffte sich Gerlinde. Sie hatte nicht vor, den Männern dauerhaft zur Last zu fallen, sie wollte bei ihnen nur vorübergehend unterkommen, denn erfahrungsgemäß zogen die Rabauken, die sie, Gerlinde, bedrohten, nach ein paar Tagen weiter, sodass sie bald in den Stollen zurückkehren konnte.

Plötzlich wurde Gerlinde durch das Geräusch aus ihren Gedanken gerissen, auf das sie schon stundenlang gewartet hatte und das nichtsdestotrotz unerwartet in der Ferne erklang – die knatternden Laute der seltsamen Pferde, der alten Frau fiel dafür kein passenderes, ihr bekanntes Wort ein, die die Menschen in dieser Welt zu reiten pflegten, um sich rasend schnell über ihre gepflasterten Straßen zu bewegen. Die Geräusche, die die wundersamen Wesen mit Rädern statt Beinen von sich gaben, klangen immer lauter, begleitet von jubelnden Rufen der infamen Reiter, die man schon ganz deutlich hören konnte, und erinnerten die Greisin an die Unausweichlichkeit des Schicksals, obgleich sie sich noch bis zuletzt leise Hoffnungen gemacht hatte, dass die bösartigen Strolche nicht kommen würden. Doch sie kamen und so wie es sich anhörte, waren einige davon bereits an dem Haupteingang zum Stollen abgestiegen und sich am Sperrgitter zu schaffen gemacht. Gerlinde musste hier dringend weg. Sie schlüpfte durch die Öffnung unauffällig nach draußen in das rieselnde Nass und suchte auf leisen Sohlen das Weite.

»Tobs!«, herrschte Johannes, der inzwischen alkoholbedingt kaum noch auf den Beinen stehen konnte, mit lallender Stimme den jungen Nationalpatrioten an. »Wo …? Wo ist, verdammt noch eins, das Brecheisen?«

Tobias stürmte vom Stolleneingang zurück zur Straße, wo noch die letzten Biker von ihren Maschinen abstiegen, die sie so abstellten, dass das Licht der Scheinwerfer auf die Gittertür in der Felswand fiel. Er kramte eine Zeit lang im Kofferraum des Autos, in dem alle Mitglieder der Jenaer Zelle hergekommen waren, bis auf Sonja und Uwe, die gemeinsam mit noch ein paar Jungs von Holgers Truppe im Zeltlager auf die türkischen Frauen aufpassten, und fand endlich die gesuchte Brechstange.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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