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Des Teufels Steg: Seite 139

Vater Nicklas sah die Schneiderin aufmerksam an, ob sie irgendwelche Anzeichen im Gesicht oder in ihrer Körperhaltung an den Tag legte, die seiner Erfahrung nach stets eine unwahre Aussage begleiteten. Alsdann schielte er auf Hannes, als hätte er von ihm eine Bestätigung erwartet.

»Meister«, versuchte dieser rasch den Erwartungen seines Mentors zu entsprechen, »ich habe auch diese Jungfrau, Cecilia, im Verdacht, dass genau sie die Hexe war, die gestern Nacht über die Schlucht durch die Luft wanderte und mir auf diesem Wege entwischen konnte.«

Der Inquisitor dachte kurz nach. »Schön«, meinte er plötzlich gut gelaunt. »Marten, hast du alle Geständnisse und Namen notiert?«

»Ja, Euer Ehren.«

»Im Namen des Herrn. Amen. Es ergeht folgendes Urteil: Nachdem die Schuld der Angeklagten vollständig bewiesen ist und das Gericht das Geständnis aus ihrem eigenen Munde gehört hat, wird morgen in der Früh nach Beratung mit Ihren Eminenzen, den Gesandten des Papstes, das endgültige Strafmaß für die Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale festgesetzt. Gott sei ihr gnädig. Von einer peinlichen Befragung sieht das Gericht ab. Die Sitzung ist geschlossen.«

Vater Nicklas wandte sich um und ging aus der Tür, ohne sich zu verabschieden, als habe er es ziemlich eilig. Marten folgte ihm, nachdem er all seine Sachen beisammengehabt hatte, und Hannes stand allein in der Mitte des Kerkers und wusste nicht recht, was er nun machen sollte. Eigentlich wollte er mit seinem Mentor noch Gretlins Schicksal besprechen, denn seiner Meinung nach konnte die unschuldige Frau doch freigelassen werden, nachdem Irmel sie mit ihrem Geständnis entlastet hatte. Um aufrichtig zu sein, fand er es äußerst gemein von dem Richter, sich einfach aus dem Staub gemacht zu haben. Hannes verabschiedete sich von Irmel, die nach wie vor erschöpft auf dem Boden saß, denn es blieb ihm nichts anderes übrig angesichts der Wachen, die unverändert am Eingang standen und geduldig darauf warteten, dass der Tischlergeselle endlich den Kerker verließ, damit sie die Tür wieder abschließen konnten.

Es war schon fast dunkel, als sich Hannes auf den Rückweg ins Dorf machte. Es roch nach Regen. Der Himmel hatte sich zugezogen und gelegentlich fiel das eine oder andere Tröpfchen von oben. Der Sinn des Wortes »schlecht« schien in Hannes’ Augen viel zu weit davon entfernt zu sein, um damit den heutigen Tag beschreiben zu können, wenn man ihn nicht direkt als »grausam« bezeichnen wollte. Er war einfach schrecklich gewesen! Eine Flut von Ereignissen hatte sich heute über den Tischler ergossen und ihn mit Haut und Haar unter sich begraben. Er wusste nicht mehr genau, was er und wem gesagt und wie er über wen gedacht hatte, nach dem Abklingen der mentalen Überschwemmung blieb nur ein formloser Haufen von Erinnerungen in seinem Kopf zurück: Schneiderin Irmel war überführt, Gretlin saß unschuldig im Kerker, Ruprecht, oder besser gesagt er, Hannes, war für Ruprecht kein Freund mehr, das Mädchen Cecilia, das er eigentlich näher zu Gott bringen wollte, war, so wie es sich darbot, eine wahrhaftige Hexe und mit seinem Lehrer, Vater Nicklas, stimmte etwas nicht, es war ein bleibender Eindruck, den Hannes heute von ihm gewonnen hatte. Und er selbst war neuerdings ein Wilder Mann, das hatte er ganz vergessen!

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Nein, er wollte nirgendwo mehr hingehen, außer nach Hause, um sich in sein Bett zu legen und bis zum Morgen durchzuschlafen. Heute noch eine Hexenjagd veranstalten zu wollen, die er ursprünglich für die Nacht geplant hatte, wäre ein großer Schwachsinn gewesen, entschied Hannes. Nach allem, was sich im Laufe des Tages ereignet hatte, würde sich nicht die dreisteste Hexe in den Wald trauen, geschweige denn einfache Kräuterpflückerinnen. Das Dorf war wie ausgestorben, er konnte keinen einzigen Menschen auf der Straße entdecken und hinter den Vorhängen an den Fenstern der Häuser war nicht einmal ein schwacher Schein der Kerze oder der Feuerstelle auszumachen. Außerdem nahm der Regen allmählich zu, während sich der Tischler seiner heimatlichen Hütte näherte, sodass schon auf der Dorfstraße große Klumpen feuchter Erde an seinen Ausgehschuhen kleben blieben, und wie es erst in der Schlucht aussah, wollte er nicht herausfinden.

Hannes machte eine Kerze an, als er die Eingangstür seines Hauses hinter sich verriegelt hatte, und sorgte unbewusst dafür, dass durch die Fenster kein Licht nach außen drang, wie er es gerade bei allen anderen Dorfbewohnern gesehen hatte. Der Tischlergeselle hatte Hunger, denn seit heute Früh hatte er nichts gegessen, aber um jetzt noch Feuer zu machen und etwas zu kochen, war er zu erschöpft.

Er sah sich den eingeweichten Hafer in der Schüssel an. Das Wasser war vollständig vom Getreide aufgesogen worden, die Körner waren aufgequollen und zerfielen schon beinahe zu Flocken. Es war auch seine Absicht gewesen. Hannes streute etwas Salz in die Schüssel, nahm den Rest des angetrockneten Brotlaibs, von dem er schon morgens gegessen hatte, und setzte sich an den Tisch. Er löffelte mit der rechten Hand aus der Schüssel den ungekochten Brei, in dem noch vereinzelt lose Spelzen zwischen den Zähnen knirschten, biss gelegentlich etwas von dem Stück Brot ab, das er in der Linken hielt, und trank hin und wieder Wasser dazu. Milch im Laufe des Tages zu besorgen, hatte er zum einen vergessen und zum anderen hätte er dafür beim besten Willen keine Zeit finden können, auch wenn er sich daran erinnert hätte. Der Schüsselinhalt ging schnell zur Neige, und nachdem das Gefäß leer geworden und das Brot gegessen war, saß er noch eine Zeit lang nachdenklich auf der Bank im Kerzenschein, ehe er zu Bett ging und auf der Stelle einschlief. Das Letzte, was er noch hörte, war der Regen, der von draußen immer vernehmlicher durch die Fenster rauschte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

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Aufrufe: 7.970
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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