|
Des Teufels Steg: Seite 135
»Und wenn Irmel trotz alledem nicht gesteht?«, gab der Tischler zu bedenken. »Dann …« Der Franziskaner lächelte selbstgewiss. »Dann sollst du, mein Sohn, dem Hexenweib einige Folterwerkzeuge erklären, die beim peinlichen Verhöre zum Einsatz kommen. Der Reihe nach, beginnend mit den einfachen, die nicht gleich zum Blutvergießen führen. Die Daumenschraube beispielsweise! Oder beschreibe, wie viel körperlichen Schmerz die Hexe erfährt, wenn sie allein schon am Seil hochgezogen wird, wie ihre Schultergelenke knacksen, wenn sie ausgerenkt werden. Das hat schon so manch eine Hexe zum Nachdenken veranlasst. Und vergiss nicht nach jedem Werkzeug einen Hinweis zu machen, dass sie dieser Folter entgehen kann, wenn sie nur ein Geständnis ablegt. Mache es ihr so einfach wie möglich, sodass sie auf deine Frage nur ›ja, ich gestehe‹ sagen muss!« Die Art und Weise, wie Vater Nicklas über die Folter sprach, hatte etwas Apprehensives an sich. Etwas Undefinierbares, tief Animalisches kam plötzlich aus seinem Inneren an die Oberfläche und manifestierte sich durch den verstörenden Gesichtsausdruck, in dem sich ein Hauch von triebhafter Besessenheit spiegelte, während der Franziskanermönch über die der Schneiderin zuzufügenden Schmerzen fantasierte. Ein stilles, eiskaltes Entsetzen berührte Hannes’ Nacken und ein fröstelndes Gefühl lief ihm über den Rücken bis zu den Zehenspitzen hinunter, als der Tischler das kurze Aufblitzen in den Augen seines Mentors sah, das jenem eines Raubtieres glich, wenn es unverhofft eine lohnende Beute zu Gesicht bekam. Doch der junge Adept ließ sich nicht anmerken, dass ihm die merkwürdige Eigenart im Verhalten des Untersuchungsrichters auffiel, die er bei ihm noch nie beobachtet hatte. Hannes gefiel auch nicht besonders die Idee mit der Erklärung der Funktionsweise einzelner Foltergeräte. Er kannte sich einfach nicht aus. Noch nie in seinem Leben hatte er so etwas angefasst, ganz zu schweigen davon, sich damit ausführlich auseinandergesetzt. Woher auch? Einer Folter, gottbewahre, war er noch nie unterworfen worden und einer peinlichen Befragung hatte er niemals beigewohnt, was er sich auch diesmal ersparen wollte – etwas störte ihn an der Sache gewaltig. Sein Wissen auf diesem Gebiet beschränkte sich nur auf ein paar Informationen, die er vom Hörensagen her kannte, und sie waren kaum dazu geeignet, um damit jemanden zu einem Geständnis zu bewegen. Doch er verlor Vater Nicklas gegenüber kein Wort, in der Hoffnung, dass es bei der Unterredung mit Irmel vielleicht gar nicht so weit kommen würde. Aber etwas fehlte noch der Meinung des Tischlergesellen nach in dem Konzept, das ihm sein Meister für das vertrauliche Gespräch mit der Schneiderin aufgestellt hatte. Nämlich die Zusicherung des Lebenserhalts in dem Fall, wenn die Beschuldigte im Gegenzug ihre Verbrechen gestand. Ein Versprechen dieser Art konnte er der armen Frau von sich aus nicht geben. Er war schließlich kein Richter, der Urteile fällte. Was, wenn Vater Nicklas trotz des von Hannes gegebenen Ehrenwortes die Todesstrafe durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen verhängt hätte? Dann würde er, schlussfolgerte der junge Mann, für den Rest seines Lebens als Lügner gelten.
(?)
»Da sind wir ja schon«, sagte der Inquisitor, als sich die beiden einer massiven Tür am Ende des Kellerganges näherten, vor der ein bewaffneter Mann stand. Der Wachmann nahm auf ein Zeichen des Richters den Schlüssel, der an seinem Gürtel hing, und hantierte damit umständlich an dem Schlüsselloch der Tür. Hannes musste den Untersuchungsrichter wegen dem Lebenserhalt der Schneiderin jetzt fragen, eine andere Gelegenheit würde sich nicht mehr bieten. Doch der Franziskaner kam ihm zuvor. »Und noch etwas«, meinte er. »Wenn du den Eindruck hast, dass all deine Mühen keine Früchte tragen werden, stell dem Hexenweib in Aussicht, dass sie mit dem Leben davonkommen könnte, wenn sie gesteht und die Hexen anzeigt, die sie unterrichtet hat. Ich lasse dich mit der Hexe allein, damit sie mehr Vertrauen zu dir schöpft. Lass mich und den Schriftführer sofort rufen, wenn sie bereit ist für ein Geständnis vor diesem Gericht. Im Namen des Herrn, Amen.« Nun hatte Hannes die Zusage. Die Tür ging auf und ein Schwall stickiger, feuchter und nach Moder riechender Luft schlug ihm entgegen. Er betrat das Verlies. Die Tür schloss sich hinter ihm erneut und er fand sich in einem fast völlig dunklen Raum wieder, wo er trotz der brennenden Laterne, die ihm der geharnischte Wachmann in die Hand gedrückt hatte, kaum noch weiter als zwei Schritte sehen konnte. Das klein bisschen Licht, das durch die winzige Öffnung unter der Decke in den Kerker von draußen fiel, war in keiner Weise ausreichend, um wenigstens beurteilen zu können, wie groß der Raum überhaupt war. »Tante Irmel!«, rief er in die Dunkelheit. »Wo bist du?« Ein Klirren der eisernen Kette auf dem steinernen Boden des Kellers wurde vernehmbar. Es kam halb von links. Hannes leuchtete in diese Richtung und seine Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnten, entdeckten die Umrisse einer menschlichen Figur, die allem Anschein nach auf dem Boden saß und mit dem Rücken an der Wand lehnte. »Wer ist dort?«, ertönte Irmels schwache Stimme. »Irmel, ich bin’s, der Tischler Hannes«, antwortete der junge Mann. »Hannes!« Eine helle Klangfarbe mischte sich unter die dunklen Töne, die die Schneiderin von sich gab. »Es ist gut, Junge, dass du mich besuchst.« »Ja, ich will mit dir all das persönlich bereden, was gerade vor sich geht, weswegen du eingesperrt worden bist.« »Und was gibt’s da zu bereden? Du hast ja alles gehört.«
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



