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Des Teufels Steg: Seite 123
Der Tanzplatz, stellte Knöpfle fest, als er den Bahnhof verließ, war etwas besser besucht als der Berg gegenüber – der Felsen auf der anderen Seite des Tals, im Reich der schönen Prinzessin sozusagen, eine Idee, die dem Märchenautor immer mehr gefiel. Einige Wanderpärchen, aber auch größere Gruppen von Ausflüglern promenierten auf den Wegen zwischen den Sehenswürdigkeiten des geheimnisvollen Ortes, wo die Hexen ihren Sabbat zu veranstalten pflegten und den Leibhaftigen als ihren Meister feierten, und den zahlreichen Aussichtsmöglichkeiten entlang der Abbruchkante der tiefen Schlucht. Viel Zeit, um noch die Walpurgishalle oder das Bergtheater zu besichtigen, blieb Richard nicht mehr übrig – es war unterdessen schon fünf Uhr geworden und er brauchte noch etwa zwei Stunden, bis er schließlich im Hotel ankam. Und so beschloss er, sich stattdessen am Rande des Abgrunds westwärts Richtung Treseburg zu bewegen und jede Gelegenheit zu nutzen, um einen Blick nach unten oder zur gegenüberliegenden Seite zu werfen, denn genau das war das Ziel seiner Erkundungstour. Der »verrückte Schriftsteller« dokumentierte seine Erlebnisse weiterhin fotografisch, bis die Kamera ein summendes Geräusch generierte, mit dem sie das Ende des Films in die Kartusche hineinzog, und erst einmal nutzlos wurde, und hielt seine Eindrücke in seinem Notizbuch fest, in dem schon etliche Seiten vollgekritzelt waren, als Knöpfle merkte, dass er sich auf seiner Wanderung entlang der Schlucht schon ziemlich weit von dem eigentlichen Hexentanzplatz entfernt hatte und nun ganz allein auf dem Weg stand, der indes zu einem engen Trampelpfad geworden war. Vor ihm lag eine Gabelung und der Schriftsteller war unschlüssig, welche Richtung er einschlagen sollte. Ein Abzweig führte nach links und war, soweit Richard es beurteilen konnte, gut gangbar, aber der Verlauf rief bei Knöpfle gewisse Bedenken hervor, der Pfad führte nicht nach Westen, nicht dorthin, wo sich die Sonne gerade vorn über dem Wald senkte, nicht nach Treseburg. Bei dem anderen Scheideweg stimmte die Richtung, aber er lief in eine dichte Waldung hinein und glich einem Holzweg, der vielleicht nach ein paar hundert Metern spurlos im Dickicht verschwinden würde. Der Legendensammler entschied sich aber dennoch für den zweiten, als er sich an die Worte des Vaters des widerspenstigen Mädchens von der Roßtrappe erinnerte: »… Sie folgen dem Weg und halten immer rechts entlang der Schlucht …« Es war eine ganz klare Empfehlung und Richard folgte ihr.
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Guter Dinge wanderte er durch den Wald und überlegte, dass er den heutigen Tag, jedenfalls die Wanderung durch das Bodetal, als vollen Erfolg verbuchen konnte. Nun, er war noch keine Woche vor Ort, hatte aber schon zwei aussichtsreiche Geschichten in der Tasche, und was noch wichtiger war, heute hatten sich im Laufe des Ausfluges konkrete Konturen seiner eigenen Story abgezeichnet. Ja, sie würde vom Bodetal handeln, da war er sich schon ziemlich sicher, darin würde eine schöne Prinzessin vorkommen und eine alte, hässliche Hexe, es würde einen bösen Ritter geben und einen Prinzen, den Mann von Ehre, der die Prinzessin letztendlich aus dem eisernen Griff der dunklen Macht befreite, und den eigentlichen Berichterstatter, einen unbeteiligten Dritten, der das Ganze persönlich erlebte kraft seiner Gabe, in die Vergangenheit sehen zu können. Auf die Idee hatte ihn eigentlich Breitscheid gebracht mit den Erzählungen über seine Visionen von einem mysteriösen blonden Mädchen, das ihn den Wilden Mann nannte und nicht von dieser Welt zu sein schien, – möglicherweise war an der Erscheinung sogar noch etwas Wahres dran, Richard war sich noch nicht sicher. Und in dem neuen Werk musste zum Schluss noch als finale furioso, als Höhepunkt der Handlung, ein Sprung über die Schlucht stattfinden, am besten mit einem tragischen Ende, aber den Gedanken hatte der Schriftsteller noch nicht zu Ende gedacht und wusste noch nicht, wie es vonstattengehen sollte. Darüber hinaus, erinnerte sich Knöpfle, hatte er heute eine reizende Frau getroffen, diese Elke, die von ihm augenscheinlich sehr angetan war, im Gegensatz zu der Kellnerin Katja aus dem Hotel, dem kleinen »Flittchen«, dem er schon seit drei Tagen den Hof machte und das die Zeichen seiner Aufmerksamkeit nicht zu schätzen wusste. Mit dieser Elke, träumte der Sagenschreiber, hätte es für die Zeit der Kreativreise etwas werden können, sie schien an einer flüchtigen Beziehung durchaus interessiert zu sein. Außerdem hätte sie sich auch bei seiner Arbeit als nützlich erweisen können! Sie hatte nämlich einer Spritztour mit dem Auto durch den Harz zu den legendenträchtigen Plätzen zugestimmt, als er sie gefragt hatte. Sie kam von hier und kannte sich aus, und allem Anschein nach hatte sie nicht vor, über »Recht auf Arbeit« und »Anspruch auf einen Platz in der Kindertagesstätte« zu reden. Er musste die einsame Frau morgen unbedingt anrufen, erinnerte sich Richard an sein Versprechen, zum Essen im Hotelrestaurant einladen und sich dann mit ihr aufs Kämmerlein zurückziehen, so stellte er sich das Ganze vor. Richard Knöpfle war noch nicht allzu lange dem Pfad gefolgt, eine Viertelstunde trennte ihn vielleicht von dem Augenblick, in dem er an der Wegscheide seinen Entschluss gefasst hatte, als der unverkennbare Geruch von schwelendem Holz ihm in die Nase stach. Es war also keine optische Täuschung gewesen, als er Rauchschwaden über dem Wald vom Aussichtsplatz gesehen hatte, schlussfolgerte Richard, etwas brannte definitiv, und zwar gar nicht so weit von ihm entfernt. Ein Waldbrand? Ein Lagerfeuer? Der Schriftsteller rätselte noch eine Zeit lang über eine mögliche Ursache für die starke Rauchentwicklung, ehe er zumindest schon mal die Richtung bestimmen konnte, aus der der Qualm kommen musste – der leichte Wind, dessen Odem Richard ganz deutlich auf seiner linken Wange spüren konnte, brachte den Rauchdunst auf seinen Fittichen und odorierte die Luft. Der Legendensammler hielt es für unerlässlich, der Sache auf den Grund zu gehen. Was, wenn die Geschichte tatsächlich in einem riesigen Waldbrand im Harz endete, bei dem die Gegend für Jahrzehnte, wenn nicht für immer, ihren unnachahmlichen Charakter verlor? Richard verließ den Weg und kämpfte sich durch das Unterholz in der Richtung voran, in der er glaubte, die Rauchquelle entdecken zu können, und offenbar hatte er sich bei seinen Berechnungen nicht vertan, denn bald vernahm er auch Stimmen aus dem Wald.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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