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Des Teufels Steg: Seite 120
Bis jetzt war der Legendensammler auf dem Roßtrappenberg nur wenigen Leuten begegnet, die Mitglieder der Familie auf dem Aussichtsplatz waren im Großen und Ganzen die einzigen Ausflügler gewesen, die er aus nächster Nähe hatte sehen können, die vereinzelten Wanderer weit vorne auf dem Pfad oder hinter seinem Rücken konnte man außer Acht lassen, und so wunderte es den Schriftsteller wenig, als er die Bergstation erreicht hatte, dass die meisten Sitze der Seilbahn oben leer ankamen. Und er war der Einzige, der derzeit nach unten fahren wollte. Aber zumindest ging es hier etwas lebhafter zu, als auf dem menschenleeren Pfad. »Einzel- oder Doppelfahrt?«, fragte ihn das Fräulein aus dem Kassenhäuschen. Für Knöpfle gab es nicht viel zu überlegen. »Einzel«, sagte er kurz und reichte der Kassiererin einen Fünfzig-Mark-Schein. Sie sah sich leicht verstimmt die Banknote an, da es ihr höchstwahrscheinlich an diesem besucherarmen Tag in der Kasse an Wechselgeld fehlte, nahm den Schein dann aber letztendlich doch noch und drückte Richard das Ticket mit dem Rückgeld in die Hand, und nachdem ein Angestellter ihm beim Platznehmen mit dem Sicherheitsbügel geholfen hatte, begann für den »verrückten Schriftsteller« die Talfahrt. An Thale konnte sich Richard Knöpfle noch gut erinnern. Seit seinem Besuch vor ein paar Tagen, als er sich hier nach einem passenden Hotel umgesehen hatte, war noch nicht so viel Zeit verstrichen, dass seine Eindrücke verblasst sein konnten. Es war keine Stadt von mondäner Schönheit, dennoch hatten hier seinerzeit feine Kurgesellschaften und allerhand Berühmtheiten Station gemacht, zu denen nicht zuletzt weltweitbekannte Literaten wie Fontane oder Heine, Richards große Vorbilder, gehörten, die allerdings überwiegend wegen dem Bodetal hierhergereist waren und nicht, um sich die Stadt anzusehen, – ach ja, Goethe, den Mann hatte Knöpfle doch beinahe vergessen, aber er hatte auch hier geweilt, um irgendwelche Gesteinsstudien durchzuführen, was für welche es auch gewesen sein mochten. Wie Zeugnisse längst vergangener Kulturen zeigte die Stadt heute noch unverkennbare architektonische Spuren der Diktatur des Proletariats und dem Legendensammler war aufgefallen, dass es in dem Städtchen kaum Menschen gab, obwohl es nicht der allerkleinste Ort war, den Knöpfle in seinem Leben besucht hatte. Er hatte nämlich Schwierigkeiten gehabt, jemanden zu finden, um ihn zu fragen, wo er ein ruhiges Hotel, eine kleine Pension oder sonst eine Unterkunft finden konnte. Auf gut Glück war er selbst Straße für Straße und Haus für Haus abgefahren und war kein einziges Mal, auch nicht rein theoretisch, der Gefahr ausgesetzt gewesen, einen Fußgänger überfahren zu können, nicht einmal einen Zusammenstoß mit einem anderen Auto zu verursachen. Kurz ausgedrückt, seine persönliche Bewertung des Ortes für einen geraumen Aufenthalt war eher durch-, wenn nicht unterdurchschnittlich gewesen.
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Doch alles änderte sich schlagartig, sobald sein Fahrsessel den Stützmast passiert hatte, der gleichzeitig auch den Rand des Plateaus markierte, und Richards Blick sich ein unbeschreibliches Panorama öffnete. Vor seinen Augen lag, in das Licht der Nachmittagssonne getaucht, das leicht hügelige Harzvorland, das sich so weit er sehen konnte nach Osten erstreckte und sich irgendwo am Horizont in der dunstigen Luft verlor. Unten lag das Städtchen und präsentierte seine rotgeziegelten Dächer, die einen inmitten eines Meeres aus Grün märchenhaft anmuteten, und aus der Vogelperspektive gesehen, erfüllte der Ort nunmehr alle Erwartungen und Wünsche des launischen Schriftstellers. Ja, stellte Knöpfle für sich fest, als er sich an Ingrids Frage »Es ist doch schön bei uns?« erinnerte, es war schön! Was wollten die Zimmermanns überhaupt noch? Was hatten sie ihm für einen »Bullshit« vom Recht auf Arbeit erzählt? Es war Knöpfle ein Rätsel, wie man Arbeitszwang, der seines Wissens in den Ostblockländern flächendeckend praktiziert worden war, als eine Wohltat des Staates der Bevölkerung gegenüber betrachten konnte. Es war doch eher eine strafrelevante Verpflichtung gewesen, überlegte er, denn wenn jemand ein Recht hatte, arbeiten zu gehen, setzte es irgendwie voraus, dass derjenige auch berechtigt war, sein Recht nicht in Anspruch zu nehmen. Und das war ja wohl in der Form nicht der Fall gewesen! Kollege Marx, von dem Richard auch schon mal das eine oder das andere fragmentarisch gelesen hatte, hatte da etwas völlig falsch interpretiert bei den Schlussfolgerungen in seiner kruden Theorie, philosophierte der Märchenautor weiter, denn am Ende, wenn man ihr folgte, bekam man eine ganze Armee von Leuten mit einem bunten Durcheinander, einer Art Brei aus falschen Erwartungen und merkwürdigen Vorstellungen vom Leben in ihren Köpfen. So etwas musste seiner Meinung nach unweigerlich eintreten, wenn man Arbeiter und Bauern, die stets »alles zu werden zuhauf strömten«, mit komplexen Aufgaben des Staatswesens betraute! Das marxsche Gespenst des Kommunismus, das Knöpfle immer als eine misslungene Metapher belächelt hatte, nahm hundert Jahre nach seiner Erfindung plötzlich Gestalt an – die nichts ahnenden Probanden der Versuchsreihe zur Erschaffung einer heilen Welt, der sonnigen Insel Utopia mitten in der stürmischen See, und es waren in seinem konkreten Fall wohl die Zimmermanns. Der Legendensammler konnte partout nicht nachvollziehen, warum die beiden fest davon überzeugt waren, dass jemand ihnen etwas schuldete und auf ihrem vermeintlichen Anspruch rigoros bestanden, obwohl ihr ganzes Konstruktionsbüro in den letzten zehn Jahren vermutlich gar keinen wirtschaftlichen Nutzen gebracht hatte, sondern nur aufgrund der Prämisse des Rechts auf Arbeit weitergeführt worden war, wie man doch in Anbetracht der Schließung annehmen konnte, schlussfolgerte Richard.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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