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Des Teufels Steg: Seite 109
»Habt ihr es noch nicht gehört?«, fragte Agnes, als sie die Verwunderung in Cecilias Augen bemerkte. »Was?« Cecilia blickte auf die Besucherin voller Ahnungslosigkeit. »Schneiderin Irmel wurde gefasst«, teilte ihr Agnes aufgeregt mit, »beim Kräutersammeln auf dem Hexentanzplatz.« Das Mädchen sah sie ungläubig an. »Komm doch rein, Tante Agnes«, sagte sie. Cecilia ließ die Frau an sich vorbei und verriegelte hinter ihr wieder die Tür, sie hatte das Gefühl, es wäre besser gewesen, dem Besuch eines ungebetenen Gastes, wer auch immer es sein mochte, vorzubeugen. »Wie geht es dir, Ursel?«, fragte Agnes Cecilias Mutter, als die beiden an das Krankenbett der paralysierten Frau traten. Ursel war inzwischen wach geworden und lag mit geöffneten Augen auf dem Rücken so, wie Cecilia sie heute in der Früh hingelegt und zugedeckt hatte. »Mir geht es gut!«, behauptete die Kranke überraschend für die Anwesenden. »Ich glaube, ich konnte vorhin sogar wieder meine Füße unter der Decke bewegen!« »Was sagst du, Mutter?« Cecilia zog das untere Ende der Decke nach oben, sodass Ursels Beine bis zu den Knien sichtbar wurden. »Zeig es uns.« Die Frauen hefteten ihre Blicke auf die vom längeren Liegen in einer Position bläulich angelaufenen Füße der Querschnittsgelähmten. »Könnt ihr das sehen?«, erkundigte sie sich. »Ich sehe nichts«, erwiderte Cecilia leicht enttäuscht, es rührte sich kein einziger Zeh. »Bist du sicher, Mutter?« »Ich kann die Füße ganz deutlich spüren«, beharrte Ursel. »Du hast mir wahrhaftig ein Zaubermittel zum Trinken gegeben, es wirkt Wunder! Ich fühl mich viel besser als noch gestern Nacht!« Natürlich! Cecilia ging ein Licht auf. Die Hexenpilze, die sie von Gerlinde mitgebracht hatte, waren der Grund für die plötzlich einsetzende Heilung von Ursel. Vermutlich waren sie auch die Ursache für den langen, wundersamen Schlaf bis in die Mittagsstunden gewesen, in dem Cecilia unerklärbare Dinge erlebt hatte, von denen sie nur vage Erinnerungen hatte, doch eins wusste sie definitiv: Sie hatten sich sagenhaft schön angefühlt. Cecilia strotzte nur so vor Energie und Selbstbewusstsein, das merkte sie selbst und schrieb den Zustand ebenfalls der Wirkung der geheimnisvollen Pilze zu, und es war dem Mädchen völlig einerlei, dass ihre Mutter unterhalb der Gürtellinie nach wie vor keinen Körperteil bewegen konnte. Hauptsache, Mutter sagte, sie könne die Füße spüren, und der Rest würde sich schon ergeben, nahm das Fräulein an. Die Prophezeiungen ihrer Ahne bewahrheiteten sich, die Gewächse waren ein wahres Wundermittel. Dennoch durfte das Mädchen im Beisein von Agnes mit keinem Wort Gerlinde erwähnen und so behielt sie ihre Erkenntnisse bezüglich der Hexenpilze für sich, um Agnes’ Neugier, die durch die unvorsichtige Äußerung ihrer Mutter schon geweckt war, nicht noch größer zu machen.
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»Was für ein Mittel?«, fragte die Gästin. »Ach, nur so«, antwortete Cecilia ausweichend. »Ich habe ein neues Kräutlein gefunden und habe es ausprobiert. Ich weiß aber nicht, ob ich es noch einmal sehe, es ist selten.« »Du hast vergangene Nacht Kräuter im Wald gepflückt, Cecilia?«, fragte Agnes erschrocken. »Sieh dich vor, Mädchen! Das ist nämlich das, weswegen ich gekommen bin … um euch zu warnen! Im Kloster weilen hohe Kirchenmänner und Vater Nicklas ist mit von der Partie. Sie machen Jagd auf Hexen und Ketzer! Und eine hatte die Schutzgarde heute Nacht schon erwischt, die Schneiderin Irmel! »Geschieht ihr recht, nachdem sie uns so viel Unrechtes angetan hat!«, gab sich Cecilia kämpferisch. Agnes sprach aber unbeeindruckt weiter: »Ich gehe schon lange zum Nähkränzchen und kenne sie gut, aber so etwas hätte ich nie von ihr gedacht, dass sie auf den Tanzplatz Kräuter pflücken geht.« »Sie ist eine Wilde«, bemerkte Ursel leise. »Gott, steh mir bei.« Agnes bekreuzigte sich. »Aber sie hat doch …« »Das haben die meisten schon vergessen«, fuhr die Kranke fort, »doch sie ist es und das Kräuterpflücken gehört zu ihr wie die Kirche zu euch, Christen.« »Es ist kaum zu glauben, nachdem ich sie so oft habe sagen hören, es sei eine Sünde und die Frauen aus dem Dorf, die es machen, müssen bestraft werden.« »Sie kann uns anzeigen!«, rief Cecilia entsetzt. »Das befürchten auch viele christliche Frauen, mit denen ich gesprochen habe«, erwiderte Agnes. »Deswegen wollte ich euch warnen. Seht euch vor!« »Was sollen wir jetzt bloß machen, Mutter?«, fragte das Fräulein ratlos. »Das weiß ich noch nicht, mein Kind«, gab Ursel zu Antwort. »Ich muss noch überlegen.« »Versteckt euch doch irgendwo, bis die Gefahr vorüber ist«, schlug Agnes vor. »Ihr seid jetzt aber auf jeden Fall vorgewarnt. Und die Schutzgarde von Vater Nicklas ist nicht das Einzige, um was ihr euch Sorgen machen musst: Einige Männer aus dem Dorf machen auch Jagd auf Kräuterpflückerinnen im Wald. Gretlin hat mir im Vertrauen erzählt, dass ihr Mann, Ruprecht, heute Nacht mit anderen eine Frau von der Kräuterwiese bis zum Bodekessel verfolgt hätte, die sich dann durch die Lüfte über die Schlucht von höllischen Kräften tragen ließ und entkam. Seht euch vor! Ich gehe jetzt lieber wieder, damit meine Abwesenheit im Dorf nicht auffällt, man kann nicht vorsichtig genug sein! Ich wünsche euch viel Glück.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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